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Politik und Gesellschaft Online
International Politics and Society 3/2001


Rezensionen:

Edward Said:

Am falschen Ort. Autobiographie

(Michael Ehrke)

Sven Behrendt / Christian Hanelt (eds.):

(Jochen Möller)

Edward Said
Am falschen Ort. Autobiographie

Berlin 2000,

Berlin Verlag, 468 S.

Der jüngste Gewaltausbruch in Israel-Palästina und der absehbare Abbruch des in Oslo begonnenen Friedensprozesses können ein Motiv sein, in Edward Saids Autobiographie „Am falschen Ort“ nach Hintergrundmotiven und Einsichten zum israelisch-palästinensischen Kon­flikt zu fahnden. Edward Said ist amerikanischer Bürger palästinensischer Abstammung, sicherlich einer der profiliertesten und auf jeden Fall wortgewaltigster Vertreter der palästi­nensischen Sache, gleichzeitig scharfer Kritiker Yassir Arafats. Ein Foto im Stern zeigt den 65jährigen Said im Jahre 2000 als Steinewerfer gegen einen israelischen Militärposten im Südlibanon. Die andere Seite: Said ist Professor für Literatur- und Musikwissenschaft an der Columbia University in New York und arbeitet zur Zeit an einer vergleichenden Studie über Spätwerke, unter besonderer Berücksichtigung Adornos und Beethovens. Edward Said ist Autor einer Reihe kulturkritischer Werke, die das Verhältnis zwischen Europa und den außereuropäischen Kulturen thematisieren; am berühmtesten wurde „Orientalism“ (1979), eine Studie zur Produktion und Repräsentation des „Orients“ im europäischen Diskurs. Der Autor hat aber auch die Tagespolitik des Nahost-Konflikts kontinuierlich kommentiert. In die Lebenszeit Edward Saids (geboren 1935) fallen drei Kriege um Palästina, die nationalistischen arabischen Revolutionen, der Bürgerkrieg und die israelische Besetzung des Libanon, das Aufkommen des islamischen Fundamentalismus, die Intifada, der Golfkrieg, der Oslo-Prozess. Said ist mit anderen Worten ein Autor, von dem man sich in der Tat einen Einblick in die Ursachen der aktuellen Auseinandersetzungen erhoffen kann.

Auf den ersten Blick wird diese Hoffnung enttäuscht. Die Autobiographie bezieht sich aus­schließlich auf die Kindheit, die Schul- und Universitätszeit des Autors, die Jahre 1935 bis 1962, die Said in Jerusalem, Kairo, im Libanon und in den USA verbrachte. Das erste historische Großereignis, dass seine Kindheit überschattete, war die Schlacht von El Alamein, die die Familie Said in den Libanon trieb; es folgten die Balfour-Deklaration, der erste jüdisch-arabische Krieg von 1948, die Massaker an den Palästinensern, der Putsch Gamal Abdel Nassers, der 1952 das Ende der Monarchie und der britischen Kolonialherrschaft in Ägypten einläutet, die Suez-Krise 1956, der erste Bürgerkrieg im Libanon 1958. Doch diese Ereignisse werden eher am Rande vermerkt, sie sind nicht der zentrale Gegenstand der Darstellung. Sie überschatten nur die Geschichte der Familie Said. So erfährt Edward als Schüler in Mount Hebron, USA,  dass das Geschäft seines Vaters in Kairo, ein Großhandel für Bürobedarf, von aufgebrachten Massen verbrannt wurde – ein Vorzeichen für  das Aufkommen des arabischen Nationalismus –, der Schüler sieht aber nur eine Art Unglücksfall, aus dem er keine politischen Schlüsse zieht. Der Sechstagekrieg, das Entstehen der palästinensischen Bewegung, der Friedensprozess von Oslo: auch die Ereignisse nach 1962 werden am Rande erwähnt, und der Autor gibt einige Hinweise über seine politische und wissenschaftliche Entwicklung nach dem Studium. Aber er ist ehrlich genug, seine Kindheit und Jugend nicht zu logischen Vorstufen seiner späteren Haltung zu verfälschen. Die Autobiographie bleibt persönlich; im Zentrum steht die Beziehung Saids zu seinen Eltern, dem geschäftsüchtigen und willensstarken Vater und der liebe- und verständnisvollen, aber auch intrigant-manipulieren­den Mutter.  

In der Beschreibung der Familie Said, ihrer engen inneren Beziehungen wie ihrer Beziehungen zu einem ausgedehnten Verwandten- und Bekanntenkreis, entsteht das Bild einer Welt, die vor den Augen Edward Saids untergeht, ohne dass der Jugendliche es bemerkte  – eine Welt, die zu dem, was der Außenstehende heute zu Palästina wahrnimmt, in kaum einem stärkeren Kontrast stehen könnte. Saids Familie gehört der oberen Mittelschicht an, sie ist protestantisch-christlich, aber alles andere als dogmatisch, und partizipiert aktiv an der europäischen Literatur, Philosophie und Musik. Edward lernt Klavier spielen, er liest mit seiner Mutter gemeinsam Shakespeare, besucht mit seiner Familie Konzerte, Theater- und Opernaufführungen; mit seinen Schulfreunden disputiert er, ob Mozart Brahms vorzuziehen sei oder nicht. Said beschreibt ein levantinisch-palästinensisches Bildungsbürgertum, das in einem multikulturellen Umfeld zwischen Kairo und dem Libanon pendelt. Hier werden min­destens drei Sprachen gesprochen – englisch, französisch und arabisch, letzteres in seiner ägy­ptischen und syrisch-libanesischen Fassung; man bekennt sich zum sunnitischen oder schiitischen Islam, zur protestantischen, katholischen, griechisch-orthodoxen, maronitischen, koptischen oder drusischen Variante des Christentums; es gibt enge kulturelle und verwandtschaftliche Beziehungen zur arabischen, jüdischen, armenischen, türkischen, griechi­schen, europäischen und amerikanischen Welt. Dies zeigen nicht zuletzt die akribischen Beschreibungen der verwandtschaftlichen und Herkunftsbeziehungen, mit denen Said seine Leser manchmal zu überfordern droht. 

Dabei haben sich die Familie Said und ihr Umfeld in eine gefährliche Zwischenposition begeben. Auf der einen Seite steht der britische Kolonialismus. Edward Said gehört zu den privilegierten „Eingeborenen“, die in Kairo in den Genuss einer englischen Schulbildung kommen. Doch das britische Kolonialschulwesen mit seinen ebenso vertrottelten wie grausamen Lehrern und geisttötenden Lehrpraktiken machen Edward Said und seinen arabischen Mitschülern nur eines klar: Sie sind am falschen Ort, sie werden nie der überlegenen britischen Gesellschaft angehören. Da die arabische Sprache an der Oberschule verboten ist, entwickelt sich aus der Verbindung schülerischen Ungehorsams mit der verbotenen Verwendung des Arabischen eine Art rudimentärer Oppositionshaltung, verstärkt durch die Bewunderung für die fedayin, die in der Suez-Kanalzone die britischen Kolonialtruppen piesacken. Auf der anderen Seite stehen die ägyptischen Massen, von denen die gebildete levantinische Ober- und Mittelschicht fast ebenso weit entfernt ist wie von den Briten. Im exklusiven Tennisclub, in dem die knapp gewandeten und braungebrannten multinationalen Privilegierten beim weiß verhüllten ägyptischen oder sudanesischen Personal ihre Drinks ordern, wird beklemmend deutlich: auch hier ist der falsche Ort. Und auch die Idylle im libanesischen Ferienort Dhur täuscht: Die Konflikte zwischen den religiösen Gemeinschaften, die 1958 zum ersten Mal offen ausbrechen und das Land schließlich ins Chaos eines jahrzehntelangen Bürgerkriegs führten, deuten sich bereits an, vor allem bei vielen christlichen Freunden und Bekannten der Familie Said, deren paranoide Angst vor dem Islam den späteren Bruch der Religionsgemeinschaften provozieren sollte.

Die Familie Said wird vom Verlust Palästinas 1948 weniger schwer getroffen als andere palä­stinensische Familien. Der Vater hatte während des Ersten Weltkriegs in der amerikanischen Armee gedient und die amerikanische Staatsbürgerschaft erworben, und sein Ziel war es, sei­ne Kinder – Edward und seine drei Schwestern – zu Amerikanern zu machen. Die Orte ihres Lebens waren, von der frühen Kindheit Edwards in Jerusalem abgesehen, Kairo und der Liba­non, für Edward und seine beiden Schwestern wurden es später die USA. Die Mutter jedoch blieb Palästinenserin – mit dem Ergebnis, dass sie ihr Leben lang den falschen Pass hatte.

Edward Said war sein Leben lang am falschen Ort. Dies gilt auch für die USA, wo Said (was nicht mehr Gegenstand der Autobiographie ist) eine glänzende Universitätskarriere absolvierte. Auch in den USA ist ein Palästinenser im besten Falle inexistent oder ein Ärgernis, so Said in Orientalism. Immer am falschen Ort zu sein hinderte Said, eine stabile „Identität“ auszubilden oder sich gar kritiklos tribalistischen Loyalitäten (einschließlich der palästinensischen Sache) zu unterwerfen. „Ich würde das gerne als eine Art von Freiheit verstehen, obwohl ich keineswegs wirklich davon überzeugt bin, dass es sich darum handelt. Auch auf diese Skepsis möchte ich nicht verzichten“ (S. 450).

Die Autobiographie Edward Saids lässt den Leser ahnen, was durch den Nahost-Konflikt wahrscheinlich für immer zerstört wurde. Vor allem aber ist die Autobiographie Saids die scharfsichtig rekonstruierte Entwicklungsgeschichte eines Individuums, eine großartige Verbindung aus bürgerlichem Bildungsroman, Proust’ scher Introspektion und Psychoanalyse – doch von dieser Seite des Buches soll an dieser Stelle nicht die Rede sein.

Michael Ehrke
Friedrich-Ebert-StiftungBonn

Sven Behrendt / Christian-Peter Hanelt (eds.):
Bound to Cooperate – Europe and the Middle East

Gütersloh 2000

Bertelsmann Foundation Publishers, 387 S.

Welche Interessen verfolgt Europa gegenüber den südlichen Mittelmeeranrainern der „MENA-Region“ (MENA steht für „Middle East and North Africa“)? Wie sollten die Beziehungen zwischen den sich so nahen und doch so unterschiedlichen Regionen organisiert werden? Unter diesen Fragestellungen dokumentiert der Sammelband vierzehn wissenschaftlich-politikberatende Beiträge internationaler Experten zu dem 1994 von der Bertelsmann-Stiftung initiierten Projekt „Europe and the Middle East“. Eine Einführung des Herausgebers Sven Behrendt zeigt vier Themenfelder auf, denen die Workshop-Beiträge aus den Jahren 1995-1999 zugeordnet wurden: Sicherheitsbeziehungen, Nahost-Friedensprozess, außenpolitische Entscheidungsprozesse sowie politische Transformation und Legitimität.

Die Beiträge spiegeln – neben den verschiedenen Herangehensweisen und Einstellungen der Autoren – auch den jeweiligen (Zu-)Stand des Nahost-Friedensprozesses wider, der stark auf den von der EU initiierten Barcelona-Prozess für eine gemeinsam prosperierende, friedliche Mittelmeerregion ausstrahlt. Weiter wird die EU-Position gegenüber Staaten wie dem Iran untersucht und von der US-Außenpolitik abgegrenzt, etwa unter der Fragestellung „Kritischer Dialog versus Sanktionen“. Allen Beiträgen gemeinsam ist eine realistische Einschätzung der Rolle, die Europa in der MENA-Region spielen kann. Damit ist der Sammelband eine ideale Einführung für alle, die wissen möchten, was auf diesem Feld einer sich herausbildenden Europäischen Außenpolitik zu erwarten ist.

In dem Kapitel, das sich den Sicherheitsbeziehungen widmet, prognostizieren die Autoren Buzan und Waever für die zukünftige Politik des Westens gegenüber der MENA-Region keine nennenswerte Verstärkung des Engagements. Dies überrascht zunächst, da Unwägbarkeiten bei den Nachbarn im Süden einen großen Teil hiesiger Bedrohungsszenarien ausmachen; demnach könnten wirtschaftliche und politische Krisen, Terrorismus und die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen in der Region zu Instabilität und zu Flüchtlingsströmen führen. Differenziert unterteilen die Autoren die MENA-Region mit Hilfe ihrer „Security Complex Theory“: Demnach bestehen jeweils besondere Verflechtungen zwischen Staatengruppen, die insgesamt drei verschiedene sicherheitspolitische „Cluster“ („sub-complexes“) bilden: erstens die Levante, geprägt vom israelisch-palästinensischen bzw. dem israelisch-arabischen Konflikt; zweitens der Golf, geprägt von einem Konfliktdreieck aus Iran, Irak und den arabischen Golfstaaten unter Führung Saudi-Arabiens; sowie drittens einen schwächeren sicherheitspolitischen „sub-complex“ im Maghreb, erkennbar an den gespannten Beziehungen und wechselhaften Allianzen besonders zwischen Marokko, Algerien und Libyen in den Konflikten um die Westsahara und den Tschad.


Buzan und Weaver legen ihre Security Compley Theory zunächst sehr ausführlich dar, was man ihnen gern zubilligt, kommen sie im konkreteren Teil des 50-Seiten-Textes doch zu interessanten Aussagen. Sie zeichnen die übergreifenden Konfliktkonstellationen im gesamten „Security Complex“ MENA nach und erklären anhand sich wandelnder und widerstreitender Interessen der USA gegenüber den „sub-complexes“ Levante und Golf, dass die USA keine kohärente Außenpolitik für die gesamte Region entwickeln konnten. Für den arabischen Westen (Maghreb) prognostizieren die Autoren ein zunehmendes Abdriften aus der Region, hin zu einer immer stärkeren Bindung an Europa, als dessen südliche Peripherie Maghreb-Staaten wie Marokko oder Tunesien eine besondere Rolle zukommt. Insgesamt jedoch bleibe das Interesse Europas an einem stärkeren Engagement in der MENA-Region begrenzt: „Europe will be deeply pre-occupied with Balkan and general enlargement.“ (S. 99) Im Unterschied zur Außenpolitik der USA, die stärker von Sorgen um „Schurkenstaaten“ wie Libyen und Irak umgetrieben sei, liege Europas Augenmerk stärker auf der Gefahr zerfallender Staaten in seiner unmittelbaren Nähe.


Die Politik Europas gegenüber den arabischen Staaten wird stark vom Nahost-Friedensprozess beeinflusst. Die Autorin Hollis merkt lapidar an, dass die arabischen Teilnehmer am Barcelona-Prozess Israel nicht mit normalisierten Beziehungen 'belohnen' wollen, solange keine umfassende Friedensregelung vorliegt, welche die Ansprüche der Palästinenser und auch Syriens zufrieden stellt (S. 117). Das dem Friedensprozess gewidmete Kapitel des Bandes diskutiert eingangs die Hindernisse einer solchen Friedensregelung, wobei sich Eberhard Rhein als realistischer Beobachter sieht, der mögliche Kompromisslösungen herausarbeiten möchte. Diesem hohen Anspruch wird Rheins detaillierter Beitrag insofern gerecht, als seine Vorschläge vor allem auf rationalen Mechanismen gründen, die einen Interessenausgleich zwischen den Konfliktparteien ermöglichen würden, zum Beispiel finanzielle Kompensation oder Pachtlösungen für umstrittene Gebiete. Im Fall der Golan-Höhen etwa schlägt Rhein einen schrittweisen Rückzug Israels vor, das dann Land um den See Genezareth pachten oder kaufen könne. Im Gegenzug solle Syrien sich dazu verpflichten, den Golan – vergleichbar der ägyptischen Sinai-Halbinsel – strikt demilitarisiert zu halten, und Israel die Nutzung des aus dem Golan strömenden Wassers garantieren. Ob solche Mechanismen allerdings auch für Land funktionieren, das wie „Judäa und Samaria“ als heilig angesehen wird, ist die Frage. Hier macht sich die Schwäche der „Perspektive eines neutralen Außenstehenden“ (S. 136) bemerkbar: Rhein blendet in seiner rationalen Betrachtung die schwierige innenpolitische Situation hinter dem Konflikt aus, an dessen Fronten immer wieder auch „religiös“ argumentiert wird.


Sollte die EU im Friedensprozess eine stärkere Rolle spielen? Die Beiträge von Joel Peters sowie Joseph Alpher veranschaulichen die kritische Position, die Israel hierzu einnimmt. Demnach habe sich die EU mit ihrer pro-arabischen Haltung als Vermittlerin disqualifiziert. Als prägendes Dokument nennen beide Autoren die Erklärung von Venedig, die 1980 in Israel parteienübergreifend verurteilt wurde. Bis heute habe die EU ihre israelkritischen Positionen noch verschärft.
„The positions adopted by Europe in these Declarations are seen by Israel as mirroring those taken by the Arabs, thereby effectively removing Europe as a potential mediator between the two sides.“ (S. 156) Zudem bezeichne die EU die Schaffung eines „democratic viable and peaceful sovereign Palestinian state“ seit dem Ende der Neunziger Jahre als beste Garantie für Israels Sicherheit – diese Erklärung des EU-Ministerrates in Berlin 1999 war allerdings mit den USA abgestimmt, um einer einseitigen Unabhängigkeitserklärung der Palästinenser entgegenzuwirken. Joel Peters stellt drei konstruktive Beiträge der EU heraus, mit der diese ihre Präsenz im Friedensprozess bereits habe ausbauen können: Dialoge und Arbeitsgruppen der EU-Mittelmeerpolitik mit ihrem Ziel übergreifender regionaler Kooperation, das Engagement des Sonderbeauftragten für den Friedensprozess sowie die Unterstützung beim institutionellen Aufbau der palästinensischen Behörden. Letzteres hat die EU zum mit Abstand größten Sponsor des Friedensprozesses gemacht – da bleibt verständlich, dass manche sich mit der Rolle nicht begnügen möchten, die Peters und auch Alpher der EU weiter anempfehlen.

Das Kapitel „Foreign Policy Making and Strategies“ vertieft die Analyse. Die EU mag laut Jörg Monar über Potenzial und Ambitionen verfügen, eine größere Rolle in der MENA-Region zu spielen, doch stehe dem immer noch eine schwache Außenwirkung gegenüber, die der Autor auf institutionelle Mängel einer EU-Außenpolitik im Entstehen zurückführt. Diese EU-Außenpolitik werde heute nicht mehr exklusiv durch die EU-Mitgliedsstaaten, aber noch weniger ausschließlich durch die EU bestimmt. Durch die schrittweise Herausbildung der EU-Außenpolitik seien dualistische Strukturen entstanden: dritte Staaten haben je nach Thema mit verschiedenen Ansprechpartnern zu verhandeln, mal zu Fragen mit Bezug auf den EG-Vertrag mit der Kommission, mal zu Fragen mit Bezug auf die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik mit dem jeweiligen Ratsvorsitz, der darüber hinaus auch noch halbjährlich wechselt. Probleme der Koordination und widersprüchlicher Signale an dritte Staaten sind damit für den Autor vorprogrammiert, wofür Monar Fallbeispiele aus der EU-Mittelmeerpolitik anführt.


Das vierte und letzte Kapitel, „Transformation and Legitimacy“, bleibt hinter den vorherigen Abschnitten zurück, da hier kein politikberatender Brückenschlag zwischen den Regionen gewagt wird – was an den Themen der zugrundeliegenden Workshops liegen dürfte, für die die drei Beiträge ursprünglich gedacht waren. Dass es um politische Partizipation in der MENA-Region schlecht bestellt ist, erfuhren wir schon im Beitrag von Waever und Buzan: „Democracy is rare, dictatorship common, and the use of force and repression in domestic political life endemic“ (80f.). Da erhofft man sich gerade vom letzten Teil des Bandes Anregungen, wie Europa mit derartigen Zuständen umgehen soll. Doch anstatt den Euro-mediterranen Dialog zu problematisieren, analysieren die drei Beiträge nur in allgemeinen Zügen den zaghaften Wandel der nahöstlichen Regime. Emma Murphy beschreibt am besten die herrschenden Legitimationsmuster, die sich von traditionell hergeleiteten Rechten (zum Beispiel in den Monarchien), anti-kolonialistischem Anspruch und arabischem Nationalismus, Populismus und religiösen Symbolen nur im Schneckentempo auf demokratische Verantwortlichkeit hin bewegen. Zu diesem Themenkomplex gibt es schon viele pointierte Beiträge, beispielsweise den Sammelband „Democracy without Democrats?“ (herausgegeben von Ghassan Salamé, London 1994). Ehteshamis Beitrag zu Wahlen in der Region ist anregend zu lesen, doch machen die bloße Regelmäßigkeit und Häufigkeit von Wahlen schon einen Hoffnungsschimmer für die Demokratie aus? Zu fragen wäre konsequenterweise auch, welches Interesse der Westen an einer Demokratisierung der Region hat. Wohin Wahlen führen können, hat der Fall Algeriens gezeigt. Auch in anderen strategisch wichtigen Staaten könnten ergebnisoffenere Wahlen den Einfluss von Islamisten stärken. „Praktischerweise“ gibt es selbst unter Wissenschaftlern immer noch Vertreter, die von einer Demokratieresistenz der Region ausgehen, wie Walid Kazziha in seinem Beitrag kritisiert.

Jochen Möller

Bielefeld


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