Internationale Politik und Gesellschaft
International Politics and Society 2/2004

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Rezensionen:


Jagdish Bhagwati:

Free Trade Today

(Hartmut Sangmeister)

 

 

Carles Boix:

Democracy and Redistribution

(Michael Dauderstädt)

 

 

Jagdish Bhagwati:

Free Trade Today

Princeton/Oxford 2002.
Princeton University Press, 128 S.

Studierende der Wirtschaftswissenschaften lernen meist schon in den ersten Semestern, dass grenzüberschreitender Handel ohne Zollbarrieren und sonstige ökonomische Hürden eine für alle Seiten vorteilhafte internationale Arbeitsteilung fördere, zu Produktivitätssteigerungen führe und überall in der Welt einen höheren Lebensstandard ermögliche. Durch Liberalisierung des Außenhandels Effizienzeinbußen abzubauen, die durch Protektionismus verursacht werden, ist eine der zentralen Forderungen, die aus der (neo-)klassischen Außenhandelstheorie abgeleitet werden. Tatsächlich sind die Zollhürden nach mehreren GATT/WTO-Runden weltweit gesunken, aber das Ziel globalen Freihandels ist auch nach über 50 Jahren seit der Unterzeichnung des GATT noch längst nicht erreicht. Zwar sind sich Außenhandelstheoretiker weitestgehend einig über die Vorteilhaftigkeit des Freihandels und die wohlfahrtsmindernden Wirkungen von Handelshemmnissen, aber Politiker und Wähler überall auf der Welt teilen keineswegs diese Einsicht und verteidigen zäh bestehende protektionistische Regulierungen, da sie zu Recht davon ausgehen, dass es Freihandel nicht umsonst gibt.

Bei einem Übergang zu Freihandel gibt es in jeder Volkswirtschaft Gewinner und Verlierer. Potenzielle Gewinner des Freihandels werden von der Politik solange weiter gehende Marktöffnungen fordern, bis der Grenznutzen ihrer erwarteten Ertragszuwächse den Grenzkosten ihrer politischen Lobbyaktivitäten entspricht. Potenzielle Verlierer des Freihandels, die keine Gewähr haben, für ihre Verluste von den Gewinnern des Freihandels kompensiert zu werden, leisten Widerstand; sie werden mit allen Mitteln versuchen, Marktzugangsbeschränkungen zu ihren Gunsten durchzusetzen und die Risiken des Freihandels durch Ausnahmeregelungen zu minimieren. Potenzielle Verlierer des Freihandels werden um so mehr Aufwand für Lobbying zur Erhaltung des Status quo betreiben, je höher für sie der Nutzen vorhandener protektionistischer Maßnahmen ist.

Mit seinem Buch “Free Trade Today” will der international renommierte Wirtschaftswissenschaftler Jagdish Bhagwati die Skeptiker, Kritiker und Gegner des Freihandels davon überzeugen, dass viele der gängigen protektionistischen Argumente für die Beibehaltung hoher Zollmauern und gegen die Weltmarktintegration aus der Sicht der ökonomischen Theorie nicht haltbar seien. Über mehrere Dekaden hinweg hat Bhagwati wichtige Beiträge zur reinen Theorie des internationalen Handels geleistet und sie neueren Erkenntnissen der allgemeinen Wirtschaftstheorie angepasst.[1] In einer brillanten theoretischen Analyse hat Bhagwati (zusammen mit V. K. Ramaswami) schon vor vielen Jahren gezeigt, dass sich binnenwirtschaftliche Probleme durch eine protektionistische Handelspolitik kaum lösen lassen, wohl aber durch eine angemessene Wirtschafts- und Finanzpolitik, die mit Freihandel kombiniert wird.[2]

In “Free Trade Today” hat Bhagwati bewusst auf das anspruchsvolle mathematische Analyseinstrumentarium der modernen Wirtschaftstheorie verzichtet, um einem breiteren Leserpublikum in allgemein verständlicher Art und Weise die Vorzüge freien Welthandels nahe zu bringen. Zielgruppen dieses Überzeugungsversuchs sind nicht nur die traditionellen protektionistischen Lobbygruppen der „rent seekers“, sondern gerade auch die neueren zivilgesellschaftlichen Bewegungen, die im Namen der Umwelt und/oder der Menschenrechte Globalisierung und Freihandel lautstark und medienwirksam attackieren. Das Kernargument bei Bhagwati lautet: Freihandel erhöht den Lebensstandard, und bei höherem Lebensstandard lassen sich soziale und ökologische Probleme leichter lösen als durch Sanktionen und Restriktionen.

Vehement richtet sich Bhagwati gegen die Proliferation bilateraler und subregionaler Freihandelsabkommen, die während der neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts stattgefunden hat. Freihandelsabkommen und regionale Freihandelszonen werden von ihren Protagonisten häufig als zweitbeste oder zumindest als drittbeste Lösung gegenüber dem Idealzustand globalen Freihandels gepriesen. Dem hält Bhagwati entgegen, dass der Begriff “Freihandelsabkommen” unangebracht sei, da er nicht Freihandel für alle bedeutet, sondern nur für die Mitgliedsländer des jeweiligen Bündnisses; richtiger sei es daher, von „preferential trade agreements“ - von Präferenzhandelsabkommen - zu sprechen (S. 107). Tatsächlich handelt es sich bei bilateralen und (sub‑)regionalen Freihandelsabkommen mit ihren komplizierten Ursprungsregelungen um Abkommen über den präferenziellen Waren- und Dienstleistungsaustausch zwischen den Mitgliedsländern, die zu Verzerrungen und Diskriminierungen zu Lasten von Drittländern führen können; die mögliche Handelsschaffung innerhalb des Präferenzbündnisses wird mit einer Handelsumlenkung auf Kosten von Drittstaaten erkauft.

Statt sich in ein komplexes Geflecht bi- und plurilateraler Präferenzabkommen zu verstricken, in dem die Transparenz für die wirtschaftlichen Akteure sinkt und die Transaktionskosten steigen (das „spaghetti bowl phenomenon“), sollten die Länder mit “aggressivem Unilateralismus” konsequent dem Weg zu Freihandel folgen. Bhagwatis handelspolitische Strategieempfehlung lautet (S. 100): “Go alone (that is, cut trade barriers unilaterally) if others will not go with you. If others go simultaneously with you (i.e., there is reciprocity in reducing trade barriers), that is still better. If you must go alone, others may follow suit later: unilateralism then leads to sequential reciprocity!”

Die rund 120 Seiten von “Free Trade Today” sind zweifelsohne eine sehr empfehlenswerte Lektüre. Und zwar nicht nur für diejenigen Leser, denen das Buch neue, aktuelle Argumente für den weltweiten Abbau von Handelsbarrieren liefert; lesenswert ist das Buch auch für Skeptiker des Freihandels, da es manche der gängigen Vorbehalte relativiert. Das vehemente Plädoyer Bhagwatis für Freihandel ist theoretisch höchst solide fundiert, aber es lässt eine gerade für Entwicklungsländer entscheidende Frage unbeantwortet: Ist auch empirisch belegt, dass außenwirtschaftliche Offenheit und Handelsliberalisierung ursächlich für eine Beschleunigung des gesamtwirtschaftlichen Wachstums sind? Zwar gibt es eine Fülle quantitativer Länderstudien, in denen der (statistische) Zusammenhang zwischen Handelsliberalisierung und Wirtschaftswachstum untersucht wurde, aber die Ergebnisse dieser Studien lassen sich nicht ohne weiteres im Sinne einer eindeutigen Kausalität interpretieren. Außenhandelsliberalisierung kann gesamtwirtschaftliches Wachstum unter bestimmten Bedingungen fördern - aber Wachstumsmotor von größerer Bedeutung können beispielsweise funktionsfähige Institutionen und eine stabilitätsorientierte Wirtschaftspolitik sein - parallel zu einer Liberalisierung des Außenhandels.

Für den Außenhandelstheoretiker Bhagwati sind die Erfahrungen erfolgreicher Industrie- und Entwicklungsländer während der zurückliegenden Dekaden hinreichender Beleg für die These des Wachstums durch Freihandel.[3] Bhagwati mag sich dabei auch auf den Nobelpreisträger Paul A. Samuelson berufen, der in seinem Standardlehrbuch “Volkswirtschaftslehre” das Kapitel über Schutzzölle und Freihandel mit dem Hinweis beginnt, dass es absurd wäre, die Existenz Gottes dadurch beweisen zu wollen, dass man an der einen Hand alle Argumente abzählt, die dafür sprechen, und an der anderen alle Argumente, die dagegen sprechen, um sich dann für die Seite zu entscheiden, welche die größere Anzahl von Punkten aufweisen kann. Und genauso absurd sei es, den Streit über Schutzzölle durch einfaches Abzählen der Gründe dafür oder dagegen entscheiden zu wollen, ohne das Gewicht der einzelnen Argumente zu berücksichtigen. Das größte Gewicht in der Diskussion über Für und Wider des Freihandels haben für den Ökonomen Bhagwati die Argumente der Außenhandelstheorie, deren Fortentwicklung er in den zurückliegenden Jahren maßgeblich mit geprägt hat.

P.S.: Mit einer gewissen Verwunderung nimmt der Leser auf den ersten Seiten von “Free Trade Today” die Meinung des renommierten Ökonomen Bhagwati zur Kenntnis, dass Misstrauen und Feindseligkeit, der sich Ökonomik und die Expertise der Ökonomen in der Öffentlichkeit ausgesetzt sähen, auf einer antiintellektuellen Haltung beruhten, zu der die poststrukturalistische Theorie des französischen Philosophen Jacques Derrida führe (S. 7). Eigentlich sollten Ökonomen nur das tun und sich darauf konzentrieren, was sie besser können als andere Wissenschaften.

Hartmut Sangmeister
Universität Heidelberg



[1] vgl. z.B. seinen Beitrag “Survey of the Pure Theory of International Trade”, Economic Journal 74 (1964),
S. 1-26.

[2] vgl. “Domestic Distortions, Tariffs, and the Theory of Optimal Subsidy”, Journal of Political Economy 71 (1963), S. 44 –50.

[3] vgl. J. Bhagwati / T. N. Srinivasan: “Outward Orientation and Development: Are Revisionists Right?”, in: D. Lal / R. Shape (eds.), Trade, Development, and Political Economy: Essays in Honour of Anne Krueger, London 2001.

Carles Boix:

Democracy and Redistribution

Cambridge 2003
Cambridge University Press, 264 S.

Hier liegt eine Theorie des Regimewechsels vor, die Maßstäbe setzt. Carles Boix, Politikwissenschaftler an der Universität von Chicago, versucht zu erklären, warum und wann sich Länder demokratisieren und warum manche autoritäre Regime bleiben oder es wieder werden. Wie der zweite Teil des Titels („Redistribution“) andeutet, wählt Boix einen politökonomischen Ansatz. Nach ihm bestimmen zwei Faktoren im Kern das politische System einer Gesellschaft: das Ausmaß an Ungleichheit in der Einkommens- und Vermögensverteilung und die Struktur und der Charakter des Vermögens. Dieser zweite Faktor, die „asset specifity“, unterscheidet zwischen Gesellschaften, in denen das Vermögen der Reichen ortsgebunden ist (z.B. Land, Bodenschätze, Öl), und solchen, in denen es überwiegend mobil ist (z.B. Finanzkapital). Ist die Ungleichheit groß und das Vermögen immobil, so wehren sich die Reichen gegen eine Demokratisierung, da sie befürchten, dass die arme Mehrheit dann eine Umverteilung durch Besteuerung (oder gar durch Enteignung) durchsetzen würde. Ist die Ungleichheit dagegen gering und das Vermögen ziemlich mobil, so ist eine maßvolle Besteuerung zu erwarten, da sonst das Vermögen auswandert. Damit wird eine Demokratisierung wahrscheinlich.

Im ersten Kapitel formalisiert Boix dieses relativ einfache Grundmodell in mathematischer Form, was vielleicht manche Leser abschreckt, aber für das Argument sonst nicht weiter bedeutsam ist. Sie erlaubt ihm aber einige Präzisierungen und graphische Darstellungen. Er überprüft dann seine Theorie im zweiten Kapitel mit statistischen Verfahren aufgrund von Daten der Jahre 1950-1994. Dieser quantitativen Überprüfung folgt in Kapitel 3 eine zweite, qualitative, die verschiedene amerikanische Bundesstaaten (ab 1910) und Schweizer Kantone (ab 1830) vergleicht, die sich stark in ihrer Wirtschafts- und Gesellschaftsstruktur unterscheiden. Beide Überprüfungen bestätigen seine Theorie – wenn auch mit einigen Qualifikationen.

In den folgenden Kapiteln erweitert und differenziert Boix sein Grundmodell in mehrfacher Hinsicht. Er nimmt damit einigen Einwänden, die sich bei der Lektüre des ersten Kapitels schnell einstellen, den Wind aus den Segeln. So berücksichtigt er nun stärker die längerfristige Perspektive von Wachstumsprozessen und sozialer Mobilität, die Rolle von Handel und politischen Institutionen wie Wahlrecht, Gewaltenteilung und Dezentralisierung (Kapitel 4). In den Kapiteln 5 und 6 sieht er den öffentlichen Sektor nicht nur als eine Umverteilungsmaschine und den Staat als einen mit eigenen Interessen (vor allem „rent seeking“) ausgestatteten Teil der Gesellschaft. Zum Schluss bietet er einige Voraussagen zur Dauerhaftigkeit von Regimen an, die voluntaristische und idealistische Demokratisierer bedenklich stimmen sollten.

Dieses theoretisch-empirische Gebäude ist beeindruckend in seiner Plausibilität und Stringenz. Dank seiner klaren Struktur und Aussagen ist es auch angreifbar, vor allem in seiner schmucklosen Kerngestalt. Warum soll sich Umverteilung auf die Besteuerung der Reichen beschränken? Es geht auch durch Umverteilung des Vermögens oder durch politische Veränderung der Marktchancen, womit die primäre und nicht die sekundäre Verteilung korrigiert würde. Ist die außenwirtschaftliche Öffnung für einen größeren Staatssektor verantwortlich (S.178), da Öffnung mehr Verwundbarkeit bedeutet (S.182)? Das ist zwar weit verbreitete Lehrmeinung, aber nicht unumstritten (vgl. Torben Iversen „The Dynamics of Welfare State Expansion: Trade Openness, De-Industrialization, and Partisan Politics” in Paul Pierson (Hg.) “The New Politics of the Welfare State”, Oxford 2001). Und warum sollte die bei Marktöffnung steigende Nachfrage nach dem nicht knappen Faktor die Demokratie bedrohen? Der nicht knappe („abundant“) Faktor dürfte doch die Mehrheit haben und folglich auf demokratische Weise seinen Vorteil wahren können. Überhaupt fallen gesellschaftliche Konstellationen, in denen die Armen die Minderheit darstellen, aus dem Erklärungsmuster heraus. Und sind in Lateinamerika die Armen der knappe Faktor (S.143), deren Einkommenschancen durch Handelsliberalisierung bedroht werden und trägt das zur Erklärung der autoritären Tendenzen auf dem Subkontinent bei?

Auch bei der Empirie fallen einem Fälle ein, die durch den Ansatz kaum zu erklären sind. Wenn z.B. bei hohen regionalen Einkommensunterschieden die reicheren Regionen zur Unabhängigkeit tendieren, warum hat sich dann Deutschland wiedervereinigt, obwohl eine erhebliche Umverteilung abzusehen war? Und kann man in Osteuropa nach 1990 – analog zu Japan und Deutschland nach 1945 - von einer ausländischen Besatzung sprechen, die für den Erfolg der Demokratisierung verantwortlich war? Außer in Bosnien und im Kosovo wäre es bestenfalls angemessen, von starken internationalen Anreizstrukturen (EU-Beitritt, Kopenhagener Kriterien) zu sprechen. Überhaupt ist der Zusammenbruch des Kommunismus nur bedingt mit Boix zu erklären. Denn die Einkommensverteilung wurde ja mit dem Regimewechsel ungleicher. Er spielt auch eine bezeichnend untergeordnete Rolle in einem Buch, das grundsätzlich Regimewechsel erklären will. Erklärbar wird dagegen die unterschiedliche Entwicklung in Ostmitteleuropa einerseits und in Russland und Zentralasien andererseits.

Aber das sind Mängel am Rande, die einen nicht abhalten sollten, sich mit diesem Buch auseinander zu setzen. In seinem Kernargument besticht es, und jede alternative Erklärung muss sich daran messen lassen. Der Mut des Autors, es so simpel und klar zu formulieren, ist zu loben. Dass sich mit wenigen Grundelementen eine Fülle komplexer Entwicklungen ableiten lässt, sollte keinen stören, der mit modernen Wissenschaftskonzepten vertraut ist (viele mathematische Simulationen reproduzieren durch Anwendung einfachster Regeln rasch hochkomplexe Prozesse). Und die politischen Praktiker müssen überlegen, wie sie mit den fundamentalen Einwänden umgehen, die Boix etwa gegen eine Demokratisierung des Nahen Ostens (z.B. des Irak) erhebt.

Michael Dauderstädt
Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn

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