Rezensionen:
Jagdish Bhagwati: Free
Trade Today (Hartmut Sangmeister)
Carles
Boix: Democracy and Redistribution (Michael
Dauderstädt)
Jagdish Bhagwati: Free Trade Today Princeton/Oxford 2002. Princeton University Press, 128 S. Studierende
der Wirtschaftswissenschaften lernen meist schon in den ersten Semestern, dass
grenzüberschreitender Handel ohne Zollbarrieren und sonstige ökonomische Hürden
eine für alle Seiten vorteilhafte internationale Arbeitsteilung fördere, zu Produktivitätssteigerungen
führe und überall in der Welt einen höheren Lebensstandard ermögliche. Durch Liberalisierung
des Außenhandels Effizienzeinbußen abzubauen, die durch Protektionismus verursacht
werden, ist eine der zentralen Forderungen, die aus der (neo-)klassischen Außenhandelstheorie
abgeleitet werden. Tatsächlich sind die Zollhürden nach mehreren GATT/WTO-Runden
weltweit gesunken, aber das Ziel globalen Freihandels ist auch nach über 50 Jahren
seit der Unterzeichnung des GATT noch längst nicht erreicht. Zwar sind sich Außenhandelstheoretiker
weitestgehend einig über die Vorteilhaftigkeit des Freihandels und die wohlfahrtsmindernden
Wirkungen von Handelshemmnissen, aber Politiker und Wähler überall auf der Welt
teilen keineswegs diese Einsicht und verteidigen zäh bestehende protektionistische
Regulierungen, da sie zu Recht davon ausgehen, dass es Freihandel nicht umsonst
gibt. Bei einem Übergang zu Freihandel
gibt es in jeder Volkswirtschaft Gewinner und Verlierer. Potenzielle Gewinner
des Freihandels werden von der Politik solange weiter gehende Marktöffnungen fordern,
bis der Grenznutzen ihrer erwarteten Ertragszuwächse den Grenzkosten ihrer politischen
Lobbyaktivitäten entspricht. Potenzielle Verlierer des Freihandels, die keine
Gewähr haben, für ihre Verluste von den Gewinnern des Freihandels kompensiert
zu werden, leisten Widerstand; sie werden mit allen Mitteln versuchen, Marktzugangsbeschränkungen
zu ihren Gunsten durchzusetzen und die Risiken des Freihandels durch Ausnahmeregelungen
zu minimieren. Potenzielle Verlierer des Freihandels werden um so mehr Aufwand
für Lobbying zur Erhaltung des Status quo betreiben, je höher für sie der Nutzen
vorhandener protektionistischer Maßnahmen ist. Mit
seinem Buch “Free Trade Today” will der international renommierte Wirtschaftswissenschaftler
Jagdish Bhagwati die Skeptiker, Kritiker und Gegner des Freihandels davon
überzeugen, dass viele der gängigen protektionistischen Argumente für die Beibehaltung
hoher Zollmauern und gegen die Weltmarktintegration aus der Sicht der ökonomischen
Theorie nicht haltbar seien. Über mehrere Dekaden hinweg hat Bhagwati wichtige
Beiträge zur reinen Theorie des internationalen Handels geleistet und sie neueren
Erkenntnissen der allgemeinen Wirtschaftstheorie angepasst.
In einer brillanten theoretischen Analyse hat Bhagwati (zusammen mit V. K. Ramaswami)
schon vor vielen Jahren gezeigt, dass sich binnenwirtschaftliche Probleme durch
eine protektionistische Handelspolitik kaum lösen lassen, wohl aber durch eine
angemessene Wirtschafts- und Finanzpolitik, die mit Freihandel kombiniert wird. In
“Free Trade Today” hat Bhagwati bewusst auf das anspruchsvolle mathematische Analyseinstrumentarium
der modernen Wirtschaftstheorie verzichtet, um einem breiteren Leserpublikum in
allgemein verständlicher Art und Weise die Vorzüge freien Welthandels nahe zu
bringen. Zielgruppen dieses Überzeugungsversuchs sind nicht nur die traditionellen
protektionistischen Lobbygruppen der „rent seekers“, sondern gerade auch die neueren
zivilgesellschaftlichen Bewegungen, die im Namen der Umwelt und/oder der Menschenrechte
Globalisierung und Freihandel lautstark und medienwirksam attackieren. Das Kernargument
bei Bhagwati lautet: Freihandel erhöht den Lebensstandard, und bei höherem Lebensstandard
lassen sich soziale und ökologische Probleme leichter lösen als durch Sanktionen
und Restriktionen. Vehement richtet sich Bhagwati gegen die Proliferation
bilateraler und subregionaler Freihandelsabkommen, die während der neunziger Jahre
des 20. Jahrhunderts stattgefunden hat. Freihandelsabkommen und regionale Freihandelszonen
werden von ihren Protagonisten häufig als zweitbeste oder zumindest als drittbeste
Lösung gegenüber dem Idealzustand globalen Freihandels gepriesen. Dem hält Bhagwati
entgegen, dass der Begriff “Freihandelsabkommen” unangebracht sei, da er nicht
Freihandel für alle bedeutet, sondern nur für die Mitgliedsländer des jeweiligen
Bündnisses; richtiger sei es daher, von „preferential trade agreements“ - von
Präferenzhandelsabkommen - zu sprechen (S. 107). Tatsächlich handelt es sich bei
bilateralen und (sub‑)regionalen Freihandelsabkommen mit ihren komplizierten
Ursprungsregelungen um Abkommen über den präferenziellen Waren- und Dienstleistungsaustausch
zwischen den Mitgliedsländern, die zu Verzerrungen und Diskriminierungen zu Lasten
von Drittländern führen können; die mögliche Handelsschaffung innerhalb des Präferenzbündnisses
wird mit einer Handelsumlenkung auf Kosten von Drittstaaten erkauft. Statt sich in ein komplexes Geflecht bi- und plurilateraler
Präferenzabkommen zu verstricken, in dem die Transparenz für die wirtschaftlichen
Akteure sinkt und die Transaktionskosten steigen (das „spaghetti bowl phenomenon“),
sollten die Länder mit “aggressivem Unilateralismus” konsequent dem Weg zu Freihandel
folgen. Bhagwatis handelspolitische
Strategieempfehlung lautet (S. 100): “Go alone (that is, cut trade barriers unilaterally)
if others will not go with you. If others go simultaneously with you (i.e., there
is reciprocity in reducing trade barriers), that is still better. If you must
go alone, others may follow suit later: unilateralism then leads to sequential
reciprocity!” Die rund 120 Seiten von “Free Trade Today” sind zweifelsohne eine sehr
empfehlenswerte Lektüre. Und zwar nicht nur für diejenigen Leser, denen das Buch
neue, aktuelle Argumente für den weltweiten Abbau von Handelsbarrieren liefert;
lesenswert ist das Buch auch für Skeptiker des Freihandels, da es manche der gängigen
Vorbehalte relativiert. Das vehemente Plädoyer Bhagwatis für Freihandel
ist theoretisch höchst solide fundiert, aber es lässt eine gerade für Entwicklungsländer
entscheidende Frage unbeantwortet: Ist auch empirisch belegt, dass außenwirtschaftliche
Offenheit und Handelsliberalisierung ursächlich für eine Beschleunigung des gesamtwirtschaftlichen
Wachstums sind? Zwar gibt es eine Fülle quantitativer Länderstudien, in denen
der (statistische) Zusammenhang zwischen Handelsliberalisierung und Wirtschaftswachstum
untersucht wurde, aber die Ergebnisse dieser Studien lassen sich nicht ohne weiteres
im Sinne einer eindeutigen Kausalität interpretieren. Außenhandelsliberalisierung
kann gesamtwirtschaftliches Wachstum unter bestimmten Bedingungen fördern - aber
Wachstumsmotor von größerer Bedeutung können beispielsweise funktionsfähige Institutionen
und eine stabilitätsorientierte Wirtschaftspolitik sein - parallel zu einer Liberalisierung
des Außenhandels. Für den Außenhandelstheoretiker Bhagwati sind die Erfahrungen erfolgreicher
Industrie- und Entwicklungsländer während der zurückliegenden Dekaden hinreichender
Beleg für die These des Wachstums durch Freihandel.
Bhagwati mag sich dabei auch auf den Nobelpreisträger Paul A. Samuelson berufen,
der in seinem Standardlehrbuch “Volkswirtschaftslehre” das Kapitel über Schutzzölle
und Freihandel mit dem Hinweis beginnt, dass es absurd wäre, die Existenz Gottes
dadurch beweisen zu wollen, dass man an der einen Hand alle Argumente abzählt,
die dafür sprechen, und an der anderen alle Argumente, die dagegen sprechen, um
sich dann für die Seite zu entscheiden, welche die größere Anzahl von Punkten
aufweisen kann. Und genauso absurd sei es, den Streit über Schutzzölle durch einfaches
Abzählen der Gründe dafür oder dagegen entscheiden zu wollen, ohne das Gewicht
der einzelnen Argumente zu berücksichtigen. Das größte Gewicht in der Diskussion
über Für und Wider des Freihandels haben für den Ökonomen Bhagwati die Argumente
der Außenhandelstheorie, deren Fortentwicklung er in den zurückliegenden Jahren
maßgeblich mit geprägt hat. P.S.: Mit einer gewissen Verwunderung nimmt der Leser auf den ersten Seiten
von “Free Trade Today” die Meinung des renommierten Ökonomen Bhagwati zur Kenntnis,
dass Misstrauen und Feindseligkeit, der sich Ökonomik und die Expertise der Ökonomen
in der Öffentlichkeit ausgesetzt sähen, auf einer antiintellektuellen Haltung
beruhten, zu der die poststrukturalistische Theorie des französischen Philosophen
Jacques Derrida führe (S. 7). Eigentlich sollten Ökonomen nur das tun und sich
darauf konzentrieren, was sie besser können als andere Wissenschaften. Hartmut
Sangmeister Universität Heidelberg
Carles Boix: Democracy
and Redistribution Cambridge
2003 Cambridge
University Press, 264 S. Hier
liegt eine Theorie des Regimewechsels vor, die Maßstäbe setzt. Carles Boix, Politikwissenschaftler
an der Universität von Chicago, versucht zu erklären, warum und wann sich Länder
demokratisieren und warum manche autoritäre Regime bleiben oder es wieder werden.
Wie der zweite Teil des Titels („Redistribution“) andeutet, wählt Boix einen politökonomischen
Ansatz. Nach ihm bestimmen zwei Faktoren im Kern das politische System einer Gesellschaft:
das Ausmaß an Ungleichheit in der Einkommens- und Vermögensverteilung und die
Struktur und der Charakter des Vermögens. Dieser zweite Faktor, die „asset specifity“,
unterscheidet zwischen Gesellschaften, in denen das Vermögen der Reichen ortsgebunden
ist (z.B. Land, Bodenschätze, Öl), und solchen, in denen es überwiegend mobil
ist (z.B. Finanzkapital). Ist die Ungleichheit groß und das Vermögen immobil,
so wehren sich die Reichen gegen eine Demokratisierung, da sie befürchten, dass
die arme Mehrheit dann eine Umverteilung durch Besteuerung (oder gar durch Enteignung)
durchsetzen würde. Ist die Ungleichheit dagegen gering und das Vermögen ziemlich
mobil, so ist eine maßvolle Besteuerung zu erwarten, da sonst das Vermögen auswandert.
Damit wird eine Demokratisierung wahrscheinlich. Im ersten Kapitel formalisiert
Boix dieses relativ einfache Grundmodell in mathematischer Form, was vielleicht
manche Leser abschreckt, aber für das Argument sonst nicht weiter bedeutsam ist.
Sie erlaubt ihm aber einige Präzisierungen und graphische Darstellungen. Er überprüft
dann seine Theorie im zweiten Kapitel mit statistischen Verfahren aufgrund von
Daten der Jahre 1950-1994. Dieser quantitativen Überprüfung folgt in Kapitel 3
eine zweite, qualitative, die verschiedene amerikanische Bundesstaaten (ab 1910)
und Schweizer Kantone (ab 1830) vergleicht, die sich stark in ihrer Wirtschafts-
und Gesellschaftsstruktur unterscheiden. Beide Überprüfungen bestätigen seine
Theorie – wenn auch mit einigen Qualifikationen. In den folgenden Kapiteln
erweitert und differenziert Boix sein Grundmodell in mehrfacher Hinsicht. Er nimmt
damit einigen Einwänden, die sich bei der Lektüre des ersten Kapitels schnell
einstellen, den Wind aus den Segeln. So berücksichtigt er nun stärker die längerfristige
Perspektive von Wachstumsprozessen und sozialer Mobilität, die Rolle von Handel
und politischen Institutionen wie Wahlrecht, Gewaltenteilung und Dezentralisierung
(Kapitel 4). In den Kapiteln 5 und 6 sieht er den öffentlichen Sektor nicht nur
als eine Umverteilungsmaschine und den Staat als einen mit eigenen Interessen
(vor allem „rent seeking“) ausgestatteten Teil der Gesellschaft. Zum Schluss bietet
er einige Voraussagen zur Dauerhaftigkeit von Regimen an, die voluntaristische
und idealistische Demokratisierer bedenklich stimmen sollten. Dieses theoretisch-empirische
Gebäude ist beeindruckend in seiner Plausibilität und Stringenz. Dank seiner klaren
Struktur und Aussagen ist es auch angreifbar, vor allem in seiner schmucklosen
Kerngestalt. Warum soll sich Umverteilung auf die Besteuerung der Reichen beschränken?
Es geht auch durch Umverteilung des Vermögens oder durch politische Veränderung
der Marktchancen, womit die primäre und nicht die sekundäre Verteilung korrigiert
würde. Ist die außenwirtschaftliche Öffnung für einen größeren Staatssektor verantwortlich
(S.178), da Öffnung mehr Verwundbarkeit bedeutet (S.182)? Das ist zwar weit verbreitete
Lehrmeinung, aber nicht unumstritten (vgl. Torben Iversen „The Dynamics of Welfare
State Expansion: Trade Openness, De-Industrialization, and Partisan Politics”
in Paul Pierson (Hg.) “The New Politics of the Welfare State”,
Oxford 2001). Und warum sollte die bei Marktöffnung steigende Nachfrage
nach dem nicht knappen Faktor die Demokratie bedrohen? Der nicht knappe („abundant“)
Faktor dürfte doch die Mehrheit haben und folglich auf demokratische Weise seinen
Vorteil wahren können. Überhaupt fallen gesellschaftliche Konstellationen, in
denen die Armen die Minderheit darstellen, aus dem Erklärungsmuster heraus. Und
sind in Lateinamerika die Armen der knappe Faktor (S.143), deren Einkommenschancen
durch Handelsliberalisierung bedroht werden und trägt das zur Erklärung der autoritären
Tendenzen auf dem Subkontinent bei? Auch bei der Empirie fallen einem Fälle
ein, die durch den Ansatz kaum zu erklären sind. Wenn z.B. bei hohen regionalen
Einkommensunterschieden die reicheren Regionen zur Unabhängigkeit tendieren, warum
hat sich dann Deutschland wiedervereinigt, obwohl eine erhebliche Umverteilung
abzusehen war? Und kann man in Osteuropa nach 1990 – analog zu Japan und Deutschland
nach 1945 - von einer ausländischen Besatzung sprechen, die für den Erfolg der
Demokratisierung verantwortlich war? Außer in Bosnien und im Kosovo wäre es bestenfalls
angemessen, von starken internationalen Anreizstrukturen (EU-Beitritt, Kopenhagener
Kriterien) zu sprechen. Überhaupt ist der Zusammenbruch des Kommunismus nur bedingt
mit Boix zu erklären. Denn die Einkommensverteilung wurde ja mit dem Regimewechsel
ungleicher. Er spielt auch eine bezeichnend untergeordnete Rolle in einem Buch,
das grundsätzlich Regimewechsel erklären will. Erklärbar wird dagegen die unterschiedliche
Entwicklung in Ostmitteleuropa einerseits und in Russland und Zentralasien andererseits. Aber
das sind Mängel am Rande, die einen nicht abhalten sollten, sich mit diesem Buch
auseinander zu setzen. In seinem Kernargument besticht es, und jede alternative
Erklärung muss sich daran messen lassen. Der Mut des Autors, es so simpel und
klar zu formulieren, ist zu loben. Dass sich mit wenigen Grundelementen eine Fülle
komplexer Entwicklungen ableiten lässt, sollte keinen stören, der mit modernen
Wissenschaftskonzepten vertraut ist (viele mathematische Simulationen reproduzieren
durch Anwendung einfachster Regeln rasch hochkomplexe Prozesse). Und die politischen
Praktiker müssen überlegen, wie sie mit den fundamentalen Einwänden umgehen, die
Boix etwa gegen eine Demokratisierung des Nahen Ostens (z.B. des Irak) erhebt.
Michael
Dauderstädt Friedrich-Ebert-Stiftung Bonn
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