Rezensionen:
Joseph S. Nye Jr.:
The Paradox of American Power: Why the World's
Only Superpower Can't Go It Alone
(Stephan Böckenförde)
Strobe Talbott / Nayan Chanda (Hg.):
Das Zeitalter des Terrors Amerika und die
Welt nach dem 11. September
(Bernhard Rinke)
Goedert Palm / Florian Rötzer (Hg.):
MedienTerrorKrieg. Zum neuen Kriegsparadigma
im 21. Jahrhundert
(Bernhard Rinke)
Ann L. Philipps
Power and Influence after the Cold War Germany
in East-Central Europe
(Michael Dauderstädt)
Rawi Abdelal:
National Purpose in the World Economy. Post
Soviet States in Comparative Perspective
(Michael Dauderstädt)
Duane Swank:
Global, Capital, Political Institutions, and
Policy Change in Developed Welfare States
(Michael Dauderstädt)
Manuel Castells:
Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft Teil
1 der Trilogie. Das Informationszeitalter
(Nikolaus Werz)
Pierre Englebert:
State Legitimacy and Development in Africa
(Franz Ansprenger)
Joseph S. Nye
Jr.:
The Paradox of American Power: Why the World’s Only Superpower
Can’t Go It Alone
New York 2002
Oxford University Press, 222 S.
Joseph Nye ist ein ruhiger, gelassener Mensch. Niemand,
der kämpferisch Moden folgte, auf fahrende Züge aufspränge
oder gar politischer Hysterie verfiele. Er vermeidet
Extreme und widerspricht gern im Trend liegenden Meinungen.
Als beispielsweise Ende der 80er Jahre viele Politikwissenschaftler
mit Bezug auf Paul Kennedys einflussreiches Buch “Aufstieg
und Fall der großen Mächte” ein schon baldiges Ende
der US-Dominanz prognostizierten, da stand Nye an der
Spitze der Gegenbewegung der “Revivalists” gegen die
“Declinists” und attestierte den Vereinigten Staaten
mit seiner Feststellung “bound to lead” eine fortdauernde
Führungsfähigkeit.
Und jetzt stimmt er angesichts des “weltweiten Kampfes
gegen den Terrorismus” und der offensichtlichen US-Überlegenheit
nicht in den Chor der Unilateralisten und Erstschlag-Befürworter
in Washington ein, sondern identifiziert unaufgeregt
ein “Paradox of American Power” und warnt, dass “die
einzige Supermacht der Welt nicht allein marschieren
könne”.
Denn –
so seine Begründung – eine Supermacht benötige neben
militärischer und wirtschaftlicher Stärke auch “soft
power” – eine sanfte, für andere kaum spürbare Kraft,
mit der sie die internationale Agenda formen, im Laufe
der Zeit einen breiten Konsens schaffen und allgemeine
Normen setzen könne. Und Nye mahnt die politische Elite
in den Vereinigten Staaten eindringlich, nicht durch
Arroganz und Unglaubwürdigkeit dieses Soft-Power-Kapital
der USA zu verspielen. Nur wenn man militärische und
wirtschaftliche Macht mit Soft Power verbinde und gleichzeitig
nationale und globale Interessen in Einklang bringe,
werden die Vereinigten Staaten die führende Macht bleiben
können. Wenn dies aber nicht gelinge, dann drohe der
Pax Americana das Schicksal der Pax Britannica und der
Pax Romana: Das Ende.
Der Wert
des Buches liegt weniger in seinem Inhalt: Nye stellt
gewagte historische Analogien her, und in seiner Neigung
zur Enthysterisierung scheut er auch vor Oberflächlichkeiten
nicht zurück. Vor allem die Kapitel zur “Informationsrevolution”
oder zur Globalisierung kann man getrost überblättern,
in denen ein Patchwork aus Unterschiedlichstem, gleich
ob es passt oder nicht, geschneidert wird.
Außerdem
erliegt der Vielschreiber Nye der Versuchung, sein Material
von Veröffentlichung zu Veröffentlichung zu recyceln.
Kaum etwas, das man nicht in seinen früheren Publikationen
bereits häufiger hätte finden können – etwa das Soft-Power-Konzept
oder die Prognose eines relativen Aufstiegs anderer
Mächte, vor allem Europas, Chinas oder Japans, gegenüber
den Vereinigten Staaten. Oder das analytische Bild der
drei Schachbretter, auf denen die Machtkämpfe – militärisch,
wirtschaftlich und eben mit Soft Power – ausgetragen
werden. Über die Jahre immer wieder geschrieben, 2002
nun auch in Buchform zu haben.
Der eigentliche
Wert des relativ schmalen Bandes liegt im Zeitpunkt
seiner Veröffentlichung: Denn während einflussreiche
Kräfte in und hinter der US-Regierung – anderswo leger
als “Neocons” (Neo-Konservative) bezeichnet, bei Nye
zuweilen als “Souveränisten” gebrandmarkt – sich anheischig
machen, die Welt allein nach ihren Vorstellungen zu
formen, hält Nye ein Plädoyer für einen transparenten
und demokratisch gegründeten Multilateralismus. Und
er kann sich damit sogar in gewisser Weise auf George
W. Bush selbst berufen, der in einer Fernsehdebatte
mit Al Gore während des Wahlkampfes im Sommer 2000 noch
betont hatte, die Vereinigten Staaten würden in der
Welt respektiert, wenn sie “zurückhaltend” (“humble”)
genug aufträten.
Multilaterales
Vorgehen ist für Nye im ureigensten Interesse der Vereinigten
Staaten. Unilaterales Handeln kann er nur in Fällen
akzeptieren, in denen es der Beseitigung vitaler Bedrohungen
oder der globalen Sicherung öffentlicher Güter dient
und sich dabei an überstaatlichen Werten orientiert.
Für ein generelles “freedom to act” aber, das in Washington
derzeit zur Grundlage des Handelns, zum Diskreditieren
von Vertragsregelungen und zur Renaissance der militärischen
Logik in der Weltpolitik gemacht wird, steht er nicht
zur Verfügung. Im Gegenteil klagt Nye, ehemaliger Staatssekretär
im US-Verteidigungsministerium zudem, dass es zu einer
fortschreitenden Militarisierung der US-Außenpolitik
komme – Indiz sei unter anderem ein Rüstungsbudget,
das ein Vielfaches über dem des Außenministeriums liege.
Ein solcher
Gegendiskurs ist derzeit in den Vereinigten Staaten
wenig populär. Dass Nye ihn trotzdem führt, ist tröstlich:
Sein Buch, leicht und locker zu lesen und ein ruhiges
Eintreten für Multilateralismus und das Primat des (Welt-)Politischen,
stellt einen von Relativierung und Zurückhaltung getragenen
Kontrapunkt dar zum derzeitigen Washingtoner Säbelrasseln.
Oder zu den Tiraden mancher Kolumnisten, die sich in
meinungsbildenden amerikanischen Tageszeitungen und
auf Fernsehkanälen verbreiten. Und zu einer “American-Enterprization
of American Foreign Policy”, wie Seymour Hersh die aktuelle
Entwicklung nennt. Ein Nye zum rechten Zeitpunkt also.
Stephan Böckenförde
Stiftung Wissenschaft und Politik
Berlin
Strobe Talbott / Nayan Chanda
(Hg.):
Das Zeitalter des Terrors.
Amerika und die Welt nach dem 11. September
München,
Berlin 2002
Propyläen, 205 S.
Wie haltet Ihr es mit der Macht? Im „Zeitalter des
Terrors“ belastet die „Gretchenfrage“ internationaler
Politik massiv die transatlantischen Beziehungen.
In einem Aufsehen erregenden Essay mit dem Titel „Power
and Weakness“, erschienen in der Zeitschrift „Policy
Review“, hat es der Amerikaner Robert Kagan gar für
notwendig gehalten, „mit der Illusion aufzuräumen,
Europäer und Amerikaner lebten in ein und derselben
Welt oder besäßen gar ein gemeinsames Weltbild“. Seine
Diagnose lautete, dass sich Europa „von der Macht“
abwende und ein „post-historisches Paradies des Friedens
und des Wohlstands“ betrete. „Dagegen“ blieben „die
USA der Geschichte verhaftet“ und übten „Macht in
der Hobbes’schen Welt aus, in der auf internationale
Regelungen und Völkerrecht kein Verlass“ sei „und
in der wirkliche Sicherheit sowie die Förderung und
Verteidigung einer liberalen Ordnung nach wie vor
von Besitz und Einsatz militärischer Macht abhängen“.
Unbestreitbar ist, dass man in Europa sehr viel mehr
auf multilaterale Politik vertraut, während die Politik
der Bush-Administration offensichtlich darauf zielt,
die beispiel- und konkurrenzlose Stärke und Hegemonie
der Vereinigten Staaten zu bewahren und auszubauen.
Letztlich prägt dieser Gegensatz auch den vorliegenden
Sammelband, in dem acht anglo-amerikanische Intellektuelle
den Versuch unternehmen, tragfähige Konzepte zu entwickeln,
wie dem internationalen Terrorismus nachhaltig begegnet
werden kann. John Lewis Gaddis, Historiker
in Yale, versucht dabei Lehren aus der „Post-Kalte-Kriegs-Ära“
für das „Zeitalter des Terrorismus“ zu ziehen. Der
gebürtige Iraner Abbas Amanat, ebenfalls Historiker
in Yale, geht in seinem Beitrag der Frage nach den
Wurzeln des islamischen Extremismus nach. Paul
Kennedy, in den späten achtziger Jahren bekannt
geworden für seine These vom „imperial overstretch“
der USA, setzt beim Kampf gegen den internationalen
Terrorismus vor allem auf die „Bewahrung der amerikanischen
Macht“, so der Titel seines Aufsatzes. Charles
Hill, als amerikanischer Berufsdiplomat und Berater
der Außenminister Kissinger, Haig und Schultz intensiv
mit dem Nahen Osten befasst, untersucht „Mythos und
Realität des arabischen Terrorismus“. Der Oxford-Professor
für Politik- und Finanzgeschichte, Niall Ferguson,
zieht Parallelen zwischen dem „British Empire“ und
den Vereinigten Staaten. Ein Plädoyer für die „Bewahrung
amerikanischer Werte“ hält daraufhin Harold Hongju
Koh, Professor für internationales Recht in Yale.
Die Forderung, dass der „Kampf gegen die Verbreitung
gefährlicher Technologien“ die „neue Priorität der
amerikanischen Diplomatie“ werden müsse, formuliert
Paul Bracken, Professor für Management und
politische Wissenschaft, in seinem Beitrag „Das Undenkbare
neu denken. Neue Prioritäten der nationalen Sicherheit“.
Maxine Singer schließlich interpretiert die
Terrorschläge als „Herausforderung an die Wissenschaft“
und setzt sich gleichsam als Lobbyistin der „Carnegie
Institution of Washington“, deren Präsidentin sie
ist, vehement dafür ein, dass der Forschungsetat der
USA spürbar erhöht würden müsse.
Im Kern geht es in den meisten Beiträgen aber eigentlich
immer um die Frage, welche Form von Machtpolitik die
USA nach dem 11. September verfolgen sollen und ob
dabei Kriegszüge als „normales“ Mittel zur Demokratisierung
der Staatenwelt anzusehen sind. Als eindringliche
Warnung vor dem unkritischen Glauben an den langfristigen
Erfolg von Militäreinsätzen als Mittel der Demokratisierung
liest sich etwa der Essay von Abbas Amanat: „Wenn
sich die USA und ihre westlichen Verbündeten (...)
weiterhin an überholte Sicherheitsmodelle klammern
und ohne Augenmaß zu militärischen Mitteln greifen,
werden sie wahrscheinlich teuer für einen undemokratischen,
instabilen und verarmten Nahen Osten bezahlen müssen,
der von religiösem Fanatismus, Territorialkonflikten
und der Gewalt der Verzweifelten gepeinigt wird.“
Und auch Paul Kennedy zieht eine klare Grenze für
den Einsatz des Militärs: „Strafexpeditionen gegen
Stützpunkte von Terroristen und brutale Regime sind
eine Sache. Eine imperiale Kontrollpolitik durch die
amerikanische Demokratie ist eine andere Sache. Sie
ist politisch entzweiend, wirkt daher nur schwächend
und stellt das Gegenteil einer vernünftigen Strategie
zur Aufrechterhaltung der amerikanischen Macht im
einundzwanzigsten Jahrhundert dar“. Dem entspricht
schließlich der Appell von Harold Hongju Koh, dass
die Vereinigten Staaten bei der Verteidigung ihrer
Sicherheit unbedingt „jene universellen Werte“ wahren
müssten, „welche die Terroristen aushebeln wollten:
Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und
offene Gesellschaft“.
Sehr viel lesenswerter, weil aus europäischer Sicht
aufschlussreicher und herausfordernder, sind indes
die Aufsätze von Charles Hill und Niall Fergusson.
Beide zeigen nämlich prononciert auf, aus welchen
Quellen sich Weltbild und Politik der Bush-Administration
augenscheinlich speisen. Und: Beide Beiträge können
daher als Meßlatte dafür angesehen werden, wie „breit“
der Atlantik zur Zeit tatsächlich ist.
Kompromisslos unilateralistisch argumentiert Hill,
der die Hauptursache des arabischen Terrorismus in
der „Enttäuschung“ und „Wut“ über die wirtschaftliche
Lage und die fehlenden politischen Entwicklungsperspektiven
im Nahen Osten sieht: „Bislang hat jedes Regime der
arabisch-islamischen Welt versagt. Kein einziges war
bislang in der Lage, seiner Bevölkerung eine realistische
Hoffnung auf eine politisch und wirtschaftlich bessere
Zukunft zu geben. Keines von ihnen hat auf die Enttäuschung
seiner Bürger eine andere Antwort gewusst als Unterdrückung
und Propaganda, die den Volkszorn auf äußere Feinde
lenken soll. Auf solchem Boden gedeiht der Terrorismus
religiöser Fanatiker.“ Hill jedenfalls scheut nicht
davor zurück, die augenblickliche Lage der USA mit
dem „Western High Noon“ zu vergleichen, „in
dem der mutige Sheriff keine Unterstützung findet,
als der Schurke in die Stadt zurückkehrt“. Um „Recht
und Gesetz“ wiederherzustellen, bleibe dem „Reich
des Guten“ (Michael Naumann) daher schließlich gar
keine andere Möglichkeit, als sich der „Bedrohung
durch den Terrorismus“ durch „Vernichtung“ des Gegners
„zu entledigen“. Im Zweifelsfall selbstverständlich
mit einem Präventivschlag: „Wenn Terroristen Passagierflugzeuge
zu riesigen Marschflugkörpern machen können, was würde
geschehen, wenn sie die Kontrolle über die Kernwaffen
und Raketen Pakistans hätten? Ein Raketenabwehrsystem
ist unverzichtbar, nicht nur für die nationale Verteidigung,
sondern auch, um den USA ein offensives Vorgehen zu
ermöglichen.“
Im Gegensatz zu Hill vertritt Ferguson in seinem
Essay mit dem Titel „Zusammenprall der Zivilisationen
oder `verrückte Mullahs´“ eine demokratische „mission
civilisatrice“ im Sinne Woodrow Wilson´s: „Statt sich
wie eine Riesenschnecke in ein elektronisch gesichertes
Haus zurückzuziehen, sollten die Vereinigten Staaten
einen höheren Anteil ihrer enormen Ressourcen darauf
verwenden, die Welt für Kapitalismus und Demokratie
sicher zu machen.“ Entsprechend müssten die USA die
Rolle einer imperialen Großmacht wahrnehmen. Das zur
Erfüllung dieses Auftrages unter Umständen auch militärische
Machtmittel zur Anwendung kommen müssen, versucht
Ferguson durch historische Parallelen zu begründen:
„Die Rolle einer imperialen Großmacht USA besteht
darin, diese Institutionen dort, wo sie fehlen, zu
errichten, wenn nötig (wie in Deutschland und Japan
1945) mit militärischer Gewalt“. Ferguson´s Frage
an die amerikanischen Politiker lautet insofern schlicht:
„Werden die Führer des einzigen Staates, der über
die wirtschaftlichen Ressourcen verfügt, um die Welt
zu einem besseren Ort zu machen, auch den Mut dazu
haben?“
Und Europa? Europa sehen beide Autoren nur als schwachen
und handlungsunfähigen Kontinent. Hill etwa polemisiert:
„(...) Regierungen in Regionen außerhalb des Nahen
Ostens haben es (...) mit Beschwichtigungspolitik
versucht. Vor allem europäische Länder haben die Anwesenheit
ausländischer Terrororganisationen in ihren Großstädten
in einer Art stillschweigendem Übereinkommen nach
dem Motto `Tut ihr uns nichts, tun wir euch nichts´
geduldet.“
Was bleibt von der Lektüre? „Amerika und die Welt
nach dem 11. September“: Ist dieses Verhältnis tatsächlich
nur als „imperium americanum“ denkbar, in welchem
die USA als selbsternannte internationale Polizei
agieren und gegebenenfalls auch präventiv zuschlagen?
Selbst wer als Europäer dieses Szenario aus guten
Gründen ablehnt, wird einräumen müssen, dass sich
die Vereinigten Staaten „gegenwärtig beispielloser
militärischer Stärke und eines großen wirtschaftlichen
und politischen Einflusses“ erfreuen, wie es die neue
nationale Sicherheitsdoktrin formuliert. Da Europa
aber eben zur Zeit keine Gegenmacht darstellt, werden
Befürworter des Projektes einer emanzipierten Europäischen
Union, die als gleichwertiger und gleichberechtigter
Partner der USA auf der Bühne der Weltpolitik auftreten
kann, nach der Lektüre diese Selbstbehauptung wohl
als dringlicher denn je ansehen. Und zumindest zeigt
ja Frankreichs diplomatischer „Erfolg“ im Ringen um
die Irak-Resolution des UN-Sicherheitsrates, dass
der „alte Kontinent“ keineswegs dazu verdammt sein
muss, dem „großen moralischen Macht-Monolog“ (Michael
Naumann) des „Sheriff USA“ schweigend zuzuhören und
sich schicksalsergeben in eine Rolle als Vasall Washingtons
zu fügen. Vor diesem Hintergrund sei der vorliegende
Band also insbesondere den Leserinnen und Lesern empfohlen,
die sich ein illusionsloses Bild von der Tiefe der
transatlantischen Meinungsverschiedenheiten machen
möchten, welche in der Diskussion über die richtige
Strategie im „Kampf gegen den internationalen Terrorismus“
ihren oberflächlichen Ausdruck findet. Nimmt man die
hier zusammengetragenen Beiträge zum Maßstab, so fällt
es jedenfalls schwer, Robert Kagan zu widersprechen,
wenn dieser konstatiert, dass die eigentlichen Ursachen
für den transatlantischen Disput so schnell nicht
zu beseitigen sein werden.
Bernhard
Rinke
Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik
Hamburg
Goedart Palm / Florian Rötzer
(Hg.):
Medien Terror Krieg.
Zum neuen Kriegsparadigma im 21. Jahrhundert
Hannover 2002
Verlag Heinz Heise, 293 S.
Dass die „Verfasstheit“ des Staates in Zeiten der
Globalisierung einer grundlegenden Veränderungsdynamik
unterliegt, ist ein Allgemeinplatz des Globalisierungs-Diskurses.
Bis zu den Terroranschlägen des 11. September 2001
kreiste dieser Diskurs zumeist um die Frage, mit
welchen ökonomischen, politischen und kulturellen
Herausforderungen die Staatengemeinschaft bzw. Weltgesellschaft
infolge der Dynamik von Globalisierungsprozessen
konfrontiert sei und wie angesichts dieser Prozesse
staatliche Steuerungsfähigkeit bewahrt, zurückgewonnen
oder gar ausgebaut werden könne. Angesichts der
in den Attacken auf das World-Trade-Center und das
Pentagon manifest gewordenen „Privatisierung von
Gewalt“ in Gestalt des internationalen Terrorismus
stellt sich nun womöglich die Frage, ob Staaten
im Kampf gegen eben diesen Terrorismus ihr Gewaltmonopol
und schließlich vielleicht sogar ihre Existenz verlieren.
Dieser Hypothese jedenfalls gehen Goedart Palm
und Florian Rötzer in ihrem unter dem Titel „MedienTerrorKrieg“
herausgegebenen Sammelband zum „neuen Kriegsparadigma
des 21. Jahrhunderts“ nach. Die zahlreichen Aufsätze
dieses Bandes beschäftigen sich im einzelnen mit
dem Phänomen des Krieges „zwischen Globalisierung
und nationaler Sicherheit“ (Abschnitt I), mit „Terrorismus
und Angstproduktion“ (Abschnitt II), mit „Medienkriegen“
(Abschnitt III) sowie schließlich mit der „Zukunft
des Krieges“ (Abschnitt IV).
In seinem programmatischen Artikel „Kapituliert
der Staat?“ fasst Palm den gemeinsamen Nenner der
hier zusammengestellten Beiträge dabei wie folgt:
„Die Angst des Staates, sein Gewaltmonopol und damit
seine raison d´être könnten demontiert werden, ist
nach Jahrhunderten unangefochtener Staatlichkeit
so unheimlich, dass er auf seine Ursprünge, auf
die Idee des absoluten Staates zurückfällt“. Den
Beweis für die Richtigkeit dieser These liefert
nach Ansicht der Herausgeber und Autoren die derzeitige
US-amerikanische Politik. So sieht etwa der Journalist
Stefan Krempl, der sich in seinem Beitrag
„Mit Sicherheit voll überwacht“ mit den neuen Anti-Terror-Gesetzen
in den USA beschäftigt, in dieser Gesetzgebung „Einschnitte
in die rechtsstaatlichen Schutzrechte“ und eine
„Umwandlung vom Freiheitsstaat zum Kontrollstaat“.
Unter der sarkastischen Überschrift „Operation Global
Justice“ kommt der Bonner Autor Goedart Palm
zu dem Schluss, dass Amerikas Widerstand gegen den
internationalen Strafgerichtshof „nicht zur Glaubwürdigkeit
einer Nation“ beitrage, „die globale Gerechtigkeit
einzig nach ihren eigenen Vorstellungen für alle
anderen Nationen verbindlich machen“ wolle: „Wer
nicht bereit ist, an einer souveränitätsübergreifenden
Weltstrafjustiz mitzuwirken, hat auch kein Recht,
anderen Nationen `Infinite Justice´ respektive `Enduring
Freedom´ mit Feuer und Schwert zu verordnen“.
Heftig kritisiert wird auch der Umgang der USA
mit „Wahrheit und Lüge“ (so der Titel eines Beitrags
von Florian Rötzer) in Zeiten des Terrorkrieges.
Rötzer zeichnet in seinem Artikel nach, wie sich
das amerikanische Militär im Golf-Krieg, im Kosovo-Krieg
und nun auch im Krieg gegen das Taliban-Regime in
Afghanistan um die „Kontrolle der Medien und vor
allem der Bilder“ bemühte, um „Kritik klein zu halten“
und „Patriotismus und Schulterschluss mit der kriegführenden
Regierung“ nicht zu gefährden. In seinen drei Beiträgen
zur Zukunft des Krieges interpretiert Florian Rötzer
den von den USA ausgerufenen Krieg gegen den internationalen
Terrorismus mithin als womöglich letzten Versuch,
„gobal die vornehmlich kolonialgeschichtlich gewachsene
und insgesamt junge nationalstaatliche Weltordnung
vor einem Auseinanderbrechen in zahllose Kleinstaaten
zu bewahren“. In Anlehnung an die Arbeiten von Martin
van Creveld beschäftigen ihn dabei vor allem die
Konsequenzen, welche aus den Fortschritten der Kommunikations-
und Informationstechnologien für die moderne Kriegsführung
resultieren: „Die hierarchisch organisierten Menschenmassen,
die in der Vergangenheit die zwischenstaatlichen
Kriege gekennzeichnet haben, gehen über in kleine
Gruppen, die dezentral, mit größerer Entscheidungsbefugnis,
heimlich, nicht als militärische Verbände kenntlich
und räumlich zerstreut arbeiten und dennoch eng
miteinander verzahnt und in permanentem Kontakt
mit dem Oberkommando vorgehen können. (...). Die
Militarisierung des Alltagslebens und das Absenken
der Schwelle für militärische Aktionen durch Präzisionswaffen
und mit besseren `Nervensystemen´ ausgestattete
kleine Einheiten, die überall und jederzeit eingesetzt
werden können, werden geflissentlich übergangen.“
Auf die Spitze treibt die Kritik an den USA schließlich
Matthias Bröckers, ehemaliger Leiter des
Kulturteil der taz, der das „Lob des Anti-Bushismus“
anstimmt und den Politikstil der Bush-Administration
als „compassionate fascism“ brandmarkt.
Fazit all dieser Beobachtungen, so Palm: „Der wild
um sich schlagende Staat fällt (...) auf ein Reaktionsniveau
zurück, das mit Rechtsstaatlickeit und Menschenwürde
demokratischer Gemeinwesen fundamental unvereinbar
ist. Damit bestreitet er nicht nur sein eigenes
Existenzrecht, sondern auch die Ziele, für die er
Bürger (...) ihr Leben einsetzen lässt.“
Nun mag die Politik der USA tatsächlich viel Anlass
zu Kritik geben. Gleichwohl kann dem Buch der Vorwurf
einer gewissen Einseitigkeit nicht erspart werden.
Doch unabhängig davon, ob man die hier teils zugespitzt
vorgetragene Kritik an den USA nun für gerechtfertigt
halten mag oder nicht, wichtiger ist, dass sich
die Autoren und Herausgeber darüber ausschweigen,
wie aus ihrer Sicht eine wirksame und nachhaltige
Politik zur Bekämpfung des Terrorismus aussehen
könnte. Denn dass der Terrorismus eine reale Gefahr
ist, steht wohl außer Zweifel. Zwar erinnert Palm,
unter Rekurs auf den ersten säkularen Staatstheoretiker,
Thomas Hobbes, daran, dass der „Leviathan“ ein „sterblicher
Gott“ sei: „Gelingt es dem Staat nicht, in überschaubaren
Zeiträumen Sicherheit für seine Bürger, insbesondere
im Inneren des Gemeinwesens, herzustellen, schwindet
die Akzeptanz seiner Mitglieder. Wenn der Staat
an dieser zentralen Stelle seiner Daseinsberechtigung
versagt, verliert er (...) sein Existenzrecht“.
Doch der naheliegenden Frage, wie der „angeschlagene
Leviathan“ (Palm) in Zukunft sein Versprechen, „die
Sicherheit der Person hinsichtlich ihres Lebens
und der Mittel, das Leben so erhalten zu können,
dass man seiner nicht überdrüssig wird“ (Hobbes),
in Zukunft einlösen kann, wird gerade nicht nachgegangen.
So geben sich die Herausgeber mit der Feststellung
zufrieden, dass der Terrorismus letztlich nicht
zu besiegen sei: „Wer dauerhaft den Terrorismus
beseitigen will, kann nur dann erfolgreich sein,
wenn er die zahlreichen Machtakkumulationen beseitigt
und es zu einer Gleichverteilung von machtbewehrten
Durchsetzungsformen des politischen Willens käme.
Dieser Zustand ist nur als Utopie beschreibbar,
weil auf immer neuen Ebenen menschlicher Gruppen-
und Gesellschaftsbildung der politische Wille sich
auch der jeweiligen Machtvorteile versieht, die
er zu seiner Durchsetzung benötigt. Solange der
äquilibrierte Zustand eines freiheitlichen Interessenkonzerts
der Völker nicht erreicht wird, - und es ist unter
den bisher bekannten historischen Prämissen kaum
denkbar, dass er je verwirklicht wird -, so lange
kann es nicht gelingen, den Terror dauerhaft zu
beseitigen.“ Richtig ist: Absolute Sicherheit vor
terroristischen Anschlägen kann und wird es in der
globalen Risikogesellschaft nie geben können. In
einem Beitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung
vom 17. Oktober 2001 konstatierte John le Carré:
„(Es) läßt sich nicht verhindern, dass ein zweiter
Selbstmordattentäter geboren wird, sooft ein fehlgeleiteter
Marschflugkörper ein unschuldiges Dorf vernichtet.“
Gleichwohl sollte diese Erkenntnis nicht daran
hindern, sich einer Entwicklung vom „Gewaltmonopol
zum Gewaltmarkt“ (Erhard Eppler) entgegen zu stellen,
in der „Risikominimierung und faktische Verschonung
der Individuen und Gruppen (...) nicht mehr vorrangig
durch staatlichen Schutz gewährleistet“ sind, „sondern
(...) der fragilen Eigenverantwortung von Personen
und Institutionen“ obliegen, „die ihr Schicksal
der Mobilität und Standortwahl auch nach den aktuellen
Fahrplänen und Börsennachrichten des ubiquitären
Terrors richten“, wie es der Germanist und Philosoph
Peter Brinkemper in seinem Beitrag über „Die
neue zivilsoldatische Mentalität“ formuliert. Bei
aller (berechtigten) Kritik an den USA: Dass es
die Herausgeber und Autoren des vorliegenden Bandes
unterlassen, Vorschläge und Ideen zu entwickeln,
wie ein Policy-Diskurs strukturiert sein könnte,
der gangbare Wege zur Reduzierung des Risikos durch
Terrorismus aufzeigt, ist die eigentliche Schwäche
von „MedienTerrorKrieg“. Kurz: Wer, wie die Herausgeber
mit ihrer Kritik an den „Verheißungen eines ewigen
Kriegs gegen das `Böse´“, darauf hofft, „dass ein
Intermezzo bleibt, was sich als militärische Lösung
komplexer weltgesellschaftlicher Zustände anempfiehlt“,
der sollte es nicht bei der Diagnose bewenden lassen,
dass der „Terrorismusbekämpfung durch Staaten, die
den Terrorismus als Phänomen weltweiter Machtasymmetrien
rückstandslos beseitigen wollen, (...) kein Vertrauen
entgegenzubringen“ ist. Und wer „hypertrophe Aufrüstung“
und „freiheitsgefährdende Antiterrorgesetzgebung“
geißelt, für den sollte es eine der vornehmsten
Aufgaben sein, nach Antworten auf die neue Dimension
des Terrors zu suchen. In den Worten Erhard Eppler´s:
„Wir sind zum Staat verurteilt. Wir sollten nicht
über sein Ende, sondern über seine beste Struktur,
seine Funktionen, seine Machtmittel, natürlich auch
über seine Grenzen nachdenken.“
Bernhard Rinke
Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik
Hamburg
Ann
L. Phillips:
Power
and Influence after the Cold War.
Germany
in East-Central Europe.
Lanham,
Boulder, New York, Oxford 2000
Rowman
and Littlefield, 219 S.
Die Produktion dieses Buches währte lange; aber
ist es auch gut geworden? Die Autorin interviewte
den Rezensenten, der sich zwar noch an seine Gesprächspartnerin,
aber nicht an die Termine erinnern kann, schon 1993
und 1995, wie aus der Interviewliste (S.187-192)
hervorgeht. Das Buch selbst kam erst fünf Jahre
später auf den Markt. Was in diesen fünf Jahren
geschah, bleibt etwas unklar. Im Vorwort erwähnt
die Autorin ihren ersten Deutschlandaufenthalt 1989-91
und ihre Interviewreisen. Dem Klappentext ist zu
entnehmen, dass die Autorin inzwischen an einer
deutschen Universität lehrt. Sicher hat sie inzwischen
viel gelesen, wie den Fußnoten und der Bibliographie
zu entnehmen ist. Aber in manchen Aspekten bleibt
die Darstellung doch durch einen veralteten Fokus
beschränkt.
Phillips hat sich vorgenommen, die Rolle Deutschlands
in Mittel- und Osteuropa zu untersuchen. Dazu widmet
sie sich zwei recht speziellen Teilthemen der Beziehungen
zwischen Deutschland und seinen Nachbarländern:
der Versöhnungspolitik und der Arbeit der deutschen
politischen Stiftungen. Jedem dieser beiden Bereiche
dienen zwei Kapital mit zusammen einmal 67 (The
Politics of Reconciliation I und II) und 54 Seiten
(Political Foundations). Innerhalb dieser Bereiche
konzentriert sie sich nochmals auf die drei Länder
Polen, Tschechien und Ungarn. Diese Fallstudien
kontextualisiert sie durch eine Einleitung, ein
Überblickskapitel zur deutschen Außenpolitik und
Schlussfolgerungen. Angesichts des breiten im Titel
angelegten Anspruchs wirken die Auswahl der Spezialthemen
und die regionale Eingrenzung etwas eng. Sie vernachlässigt
wichtige, aus der Sicht der meisten Theorien sogar
zentrale Bereiche wie die Wirtschaft, die klassische
Außen- und Sicherheitspolitik, die Kulturpolitik
und die breite Zusammenarbeit und Hilfe durch andere
Organisationen außer den sicher interessanten Stiftungen
ebenso wie wichtige Länder und Regionen (Russland,
Ukraine, Balkan und Baltikum). Einige dieser Lücken
füllt Phillips ansatzweise in den allgemeineren
Teilen, wo sie insbesondere zur Außen- und Sicherheitspolitik
einiges schreibt; aber die Wirtschaft bleibt bis
auf kurze Absätze in den Kapiteln zu den Ländern
weitgehend unterbelichtet. Ein für die oberflächliche
Behandlung der Wirtschaft bezeichnender Lapsus ist
da die von ihr auf S.11 gebrauchte, in der angelsächsischen
Literatur ungewöhnliche Bezeichnung „Direct Foreign
Investment“ (DFI) für die ausländischen Direktinvestitionen.
Dafür wird der Leser bei den Fallstudien durch
solide, materialreiche Darstellungen entschädigt.
Die Versöhnungspolitik wird in ihrem komplexen Interessenfeld
von Naziopfern, Vertriebenen und Minderheiten gut
ausgeleuchtet. Die Länderauswahl bewährt sich hier
wegen der Unterschiede zwischen Ungarn, einem Verbündeten
Nazideutschlands, Tschechien, mit dem es keine Territorialfragen
gibt, und Polen, das vor allem an der Anerkennung
der Oder-Neisse-Grenze interessiert war bzw. ist.
Die Teile über die Arbeit der Stiftungen in den
drei Ländern sind wohl die beste dem Rezensenten
bekannte Darstellung durch einen Außenseiter. Aber
dem Insider fallen natürlich Mängel auf. Gerade
in diesen Kapiteln macht sich die zeitliche Eingrenzung
negativ bemerkbar, da sich die Arbeit der Stiftungen
in der zweiten Hälfte der 90erJahre doch verändert
hat (weniger Transformations-, mehr Integrationsberatung).
Die Liste der internationalen Demokratieförderer
auf S.136-7 ist recht eklektisch. Selbst von ihr
auf S.158 erwähnte ausländische Partner der Friedrich-Ebert-Stiftung
wie die Alfred-Mozer-Stichting oder die Fondation
Jean Jaurès fehlen dort, ganz zu schweigen von weiteren
europäischen Stiftungen im Umfeld konservativer
und liberaler Parteien.
Leider wird der gute Eindruck dieses Kernbereichs
der Fallstudien etwas überschattet durch den insgesamt
leicht inkohärenten, wenig durchgearbeiteten Gesamteindruck
des Buches. Um nur ein Beispiel zu nennen: Mittel-
und Osteuropa läuft unabgeklärt im Buch mal als
Central and Eastern Europe (CEE) mal als East-Central
Europe (ECE) wie auch im Titel. Das Literaturverzeichnis
will zwar nur ausgewählte Literatur angeben und
führt auch zitierte Literatur nicht immer auf, aber
nach welchem Kriterium? Der Eindruck drängt sich
auf, dass es vor allem die bis zu einem bestimmten
Zeitpunkt erfasste Literatur ist. Die bibliographischen
Angaben in den Fußnoten sind uneinheitlich und oft
nur mit Rückgriff auf das Literaturverzeichnis verständlich
(z.B. Fußnote 166 auf S.117). Insgesamt ergibt sich
das Bild von zu verschiedenen Zeiten in großen Abständen
verfassten Teilstücken, die dann unter Zeitdruck
in ein Buch gegossen wurden, das seinem Gesamtanspruch
nicht gerecht wird. Zwei bis drei gute Aufsätze
zu den Einzelthemen in einschlägigen Fachzeitschriften
wären da besser gewesen. So erscheinen die fünf
Jahre ohne Plan.
Michael Dauderstädt
Friedrich-Ebert-Stiftung
Bonn
Rawi Abdelal:
National Purpose in the World Economy.
Post-Soviet States in Comparative Perspective
Ithaca
and London 2001
Cornell
University Press, 221 S.
Die Theorie der internationalen Beziehungen wird
traditionell von zwei Schulen beherrscht: Die „realistische“
Schule sieht die Welt als eine Anarchie der Staaten,
die darin versuchen, ihre Sicherheit und ihre Macht
auszubauen, in erster Linie auf Kosten der anderen
Staaten. Die liberale Schule dagegen interpretiert
das Verhalten der Staaten als Resultante der Interessen
der wichtigen gesellschaftlichen Akteure. Rawi Abdelal
vertritt mit dem hier besprochenen Buch die These,
dass damit nicht die ganze Realität erfasst ist.
Seine „nationalistische“ Denkrichtung (ob sie „Schule“
macht, bleibt abzuwarten) vermutet, dass Länder
sich dem gemäß verhalten, was sie sind, d.h. wie
sie sich in ihrer nationalen Identität sehen. Die
gleiche wirtschaftliche Abhängigkeit wird – je nach
nationalistischer Perspektive – mal als Bedrohung
der eigenen Sicherheit, mal als gegenseitig nützliche
Beziehung gesehen.
Nur so lässt sich nach Meinung des Autors das Rätsel
der unterschiedlichen Integrations- bzw. Desintegrationsstrategien
der Nachfolgestaaten der Sowjetunion erklären. Das
Buch konzentriert sich dabei auf drei deutlich verschiedene
Fälle: Litauen, Belarus und Ukraine. Während die
baltischen Länder bei Auflösung der UdSSR die Beziehungen
zu Russland, das sie als „Feind“ sahen, minimierten,
versuchten andere Staaten (z.B. Belarus) die durch
die Trennung gebrochenen Beziehungen zu erneuern
und zu stärken, und die Ukraine verfolgte einen
wechselhaften Zwischenkurs. Diese Unterschiede sind
nicht durch reale ökonomische Interessen (liberale
Schule) zu erklären, da die wirtschaftlichen Strukturen
(Sektormix) der drei Länder sowie ihre Abhängigkeit
(Gas- und Ölimporte) von Russland eher ähnlich waren.
Auch die realistische Schule bietet keine schlüssige
Erklärung, da sowohl eine Strategie der Autonomie
gegen als auch eine der Verbündung mit Russland
naheliegend gewesen wäre. Weder waren die alternativen
Allianzangebote Dritter qualitativ unterschiedlich,
noch legten die Machtpotenziale das spätere Verhalten
nahe. Im Gegenteil: Die Atommächte Belarus und Ukraine
hätten a priori bessere Chancen gehabt, sich gegen
Russland zu behaupten als das kleine Litauen.
Der Aufbau des Buches folgt diesem Konzept. Abdelal
entwickelt zunächst seinen „nationalistischen“ Ansatz
für die Theorie der internationalen Beziehungen
bzw. die internationale politische Ökonomie in Abgrenzung
zu den herrschenden Ansätzen. Danach wendet er seinen
Ansatz auf die postsowjetische Staatenwelt an, zunächst
im Überblick und dann in drei tiefer schürfenden
Fallstudien zu Litauen, Ukraine und Belarus. Der
Überblick belegt seine These, dass nicht kurzfristige
ökonomische Kosten-Nutzen-Abwägungen, sondern langfristige
nationale Projekte die Entscheidungen bezüglich
monetärer und handelspolitischer Integration bzw.
Desintegration bestimmten. Die baltischen Länder
verließen die Rubelzone als erste, obwohl sie davon
zunächst nur Kosten zu erwarten hatten und ihnen
auch „westliche“ Institutionen wie der Internationale
Währungsfonds oder die EU abrieten. Kasachstan und
Turkmenistan dagegen blieben länger integriert,
obwohl sie durchaus Vorteile vom Ausstieg zu erwarten
hatten. Abschließend widmet er sich der grundsätzlichen
Frage der post-imperialen politischen Ökonomie am
Beispiel der Nachfolgestaaten des habsburgischen
Österreich-Ungarn 1918/9, Indonesiens 1945 und des
französischen Westafrika 1958-62 sowie den durch
den Zerfall aufgeworfenen strategischen außenwirtschaftlichen
Optionen der neuen unabhängigen Staaten.
Was ist aus Abdelals schwer zu leugnendem Befund
der Wirkungsmacht nationalistischen Denkens in der
Außenwirtschaftspolitik zu lernen? Das Buch bietet
dem Leser eine optimistische und eine pessimistische
Lektion. Die optimistische lautet: Nicht jeder Nationalismus
führt in die Abschottung und Krise mit einem sich
verstärkenden Teufelskreis ökonomischer Kosten und
aus Frustration und Hass wachsender weiterer Antagonisierung
der Außenwelt. Erstens richtet sich der Nationalismus
nicht gegen die Außenwelt, sondern gegen
einen spezifischen „Anderen“, meist die frühere
Imperialmacht. Zweitens eröffnet gerade die durch
die nationale Identität ermöglichte langfristige
Orientierung den Weg zu neuen (und der nationalen
Vision entsprechenden) Integrationsmustern (z.B.
EU-Assoziierung und –Beitritt), die nur durch schmerzhafte
Anpassungsprozesse erreicht werden können. Diese
kurzfristigen Kosten wären unter anderen nationalen
Identitätsausprägungen unakzeptabel. Die pessimistische
Lektion weist darauf hin, dass gegen einen starken
Nationalismus weder ökonomische Strafen noch Anreize
viel helfen. Diese Lektion hat der Westen bitter
lernen müssen: Irak, Serbien, Kuba, Nahost. Identitätspolitik
von der für die eigenen Interessen unangenehmen
Sorte ist wahrscheinlich nur durch langwierige Bewusstseinsveränderung
zu reorientieren – oder durch eine nationale Katastrophe.
Wie Abdelal in seinen Schlussfolgerungen darlegt,
ist die nationalistische Identitätspolitik auch
nicht der natürliche große Gegenspieler der Globalisierung.
Manche Nationalismen mögen es sein, andere sind
jedoch sehr wohl mit der Integration in die Weltwirtschaft
vereinbar.
Eine Lücke klafft in Abdelals Buch und prinzipiellem
Ansatz in der Analyse der Ursachen, welche national(istisch)e
Vision sich durchsetzt, welche nationale Identität
sich also etabliert. Abdelal stellt klar, dass diese
Identitäten konstruiert und das Produkt rivalisierender
gesellschaftlicher Visionen sind. Die materialistische
Vermutung wäre, dass sich eine Vision durchsetzt,
weil die Kräfte, die sie befürworten, u.a. über
ökonomische und damit auch kulturelle, mediale und
politische Ressourcen verfügen, die ihnen letztlich
eine Meinungshegemonie verschaffen. Wenn das zutrifft,
schließt sich der Kreis zur liberalen Theorie der
internationalen Beziehungen, die ja vermutet, dass
außenwirtschaftliche Strategien die Resultante innergesellschaftlicher
Interessenkonstellationen sind. Und es eröffnet
sich für die Außenstehenden die Option, durch Intervention
in den Prozess öffentlicher Meinungsbildung Einfluss
zu nehmen. Dem Rezensenten, der zugegebenermaßen
mit dieser Sichtweise liebäugelt, deuchte es bei
der Lektüre gelegentlich, es ginge dem Autor vielleicht
auch darum, eine (eigene?) neue Schule zu etablieren,
indem er sich dediziert von anderen Schulen absetzt.
Trotzdem bleibt das Buch ein lesenswerter Einstieg
in das komplizierte Verhältnis von Außenwirtschaftspolitik
und nationaler Identität und erlaubt nicht nur tiefe
Einblicke in die Gestaltung des postsowjetischen
Raums, sondern auch in grundsätzliche Zusammenhänge,
die etwa für das Verständnis der Osterweiterung
oder eben auch der oben schon erwähnten Konfliktregionen
erhellend sind.
Michael Dauderstädt
Friedrich-Ebert-Stiftung
Bonn
Duane Swank:
Global Capital, Political Institutions, and
Policy Change in Developed Welfare States
Cambridge 2002
Cambridge University Press, 333 S.
Duane Swank gehört zu einer größeren Gruppe oft
angelsächsischer Wissenschaftler, die sich mit
der Entwicklung der westlichen „Industrie“-Gesellschaften
und Wohlfahrtstaaten in den Zeiten der Globalisierung,
d.h. etwas seit den 1990er Jahren, beschäftigt
haben. Wer die Arbeiten von Pierson, Iversen,
Soskice, Hall, Garrett, Huber und Stephens, Esping-Andersen,
Manov, Scharpf, Schmidt, Hemerijck, Streeck und
anderen verfolgt hat, wird mit dem Zen-tralbefund
inzwischen vertraut sein, obwohl er sich in der
breiteren politisch-publizistischen Öffentlichkeit
noch nicht richtig durchgesetzt hat: die Globalisierung
bedroht den Wohlfahrtsstaat nicht, zumindest nicht
messbar, und seine Reform oder – neutraler – Entwicklung
wird durch andere Herausforderungen und Kräfte
(Alterung, Deindustrialisierung, politisch-institutionelle
Faktoren, ideologische Paradigmenwechsel, EU-Integration)
bestimmt.
Swanks Buch präsentiert diesen „case“ in klarer
Form. Es verbindet in klassischer amerikanischer
akademischer Tradition qualitative Analyse (Fallstudien,
Überblick über die entsprechende Literatur) mit
umfangreichen quantitativen Tests, in denen eine
Fülle von Variablen der Globalisierung mit solchen
des Wohlfahrtsstaates korreliert und dabei auch
noch der Effekt intervenierender politischer Strukturen
geprüft wird. Die Ergebnisse finden sich fast
immer übersichtlich in tabellarischer Form und/oder
zusammengefasst jeweils am Ende der entsprechenden
Abschnitte, im Schlusskapitel und auch schon thesenartig
in der Einleitung. Sein Hauptresultat lautet:
Nicht die Globalisierung der Kapitalmärkte, sondern
die institutionellen Arrangements wie die Systeme
der Interessenvermittlung, Wahlrecht, Zentralisierung
der Staatsmacht und die Typologie des Wohlfahrtsstaates
entscheiden darüber, ob und wie der Wohlfahrtsstaat
„abgebaut“ wird. Von „Abbau“ kann auch in den
stärksten Fällen nur bedingt die Rede sein, da
es sich eher um punktuelle Änderungen von Berechtigungsgrundlagen,
Leistungsumfang und –dauer etc. bei gleichzeitigem
Anstieg der gesamten Sozialausgaben handelt. Angesichts
von Anpassungszwängen neigen schwache, liberale
Wohlfahrtsstaaten stärker zu Kürzungen als breit
ausgebaute Systeme, in denen große Wählergruppen
an der Beibehaltung des Leistungsniveaus interessiert
sind.
Entsprechend ist das Buch aufgebaut. Der Einleitung
folgt ein Kapitel, in dem die Fragestellung im
Licht der vorhandenen Literatur aufgefächert wird.
Dann werden diese Fragen durch die quantitative
Analyse und drei Komplexe von Fallstudien (nordische
Länder, kontinentale korporatistisch-konservative
Wohlfahrtsstaaten und liberale Gesellschaften)
beantwortet. Vor der abschließenden Zusammenfassung
widmet sich Swank noch in einem Kapitel den möglichen
längerfristigen Auswirkungen der Globalisierung
auf die Fähigkeit der Staaten zur Steuererhebung
und zur makroökonomischen Steuerung sowie auf
den Korporatismus.
Insgesamt wirkt das sehr überzeugend – vielleicht
in einigen Punkten zu schön, um wahr zusein. So
wäre die Überzeugungskraft gestärkt worden, wenn
der Autor eine ausführlichere Kritik der angeblichen
ökonomischen Zwänge zum Abbau des Wohlfahrtsstaates
vorgelegt hätte, statt nur empirisch deren Wirkungslosigkeit
angesichts starker politisch-institutioneller
Vetopositionen aufzuzeigen. Vielleicht sind die
resistenten Wohlfahrtsstaaten ja wie die berühmten
Comicfiguren, die schon über den Abgrund hinausgeschossen
sind, sich aber noch weigern, zu fallen, solange
sie die Bodenlosigkeit ihrer Lage nicht wahrgenommen
haben. Ein weiteres Desideratum ist die europäische
Integration, die punktuell (z.B. S.287) angesprochen,
aber nicht systematisch behandelt wird. Sie passt
nun auch nicht zur Länderauswahl, die über die
EU hinausreicht. Aber gerade, wenn institutionell-politische
Faktoren entscheidend sind, stellt sich die Frage
nach dem Schicksal des Wohlfahrtsstaates innerhalb
eines supranationalen Systems, das nicht nur von
entgrenzten Märkten, sondern auch von verstärkter
Koordination und Harmonisierung von Politiken
gekennzeichnet ist.
Michael Dauderstädt
Friedrich-Ebert-Stiftung
Bonn
Manuel Castells:
Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft
Teil 1 der Trilogie. Das Informationszeitalter
Opladen 2001
Leske + Budrich, 600 S.
Ab 1996 erschien Manuel Castells dreibändiges Opus Magnum
„The information age: Economy, society and culture“ zunächst
auf Englisch,
um bald in andere Sprachen übersetzt zu werden. Der Verlag
Leske + Budrich hat in einer ansprechend gestalteten Form
die deutschsprachige Ausgabe in sein Programm aufgenommen,
2001 wurde der erste Band publiziert. Das „Informationszeitalter“
behandelt in Teil 1 der Trilogie den „Aufstieg der Netzwerkgesellschaft“.
Im folgenden soll zunächst ein kurzer Gesamtüberblick über
die drei Bände erfolgen, um anschließend etwas ausführlicher
auf den 1. Band der deutschsprachigen Ausgabe einzugehen.
Natürlich lässt sich ein Werk, das umfangreicher als die „Bibel“
und „Das Kapital“ ausfällt, hier nicht ausreichend darstellen.
Nur einige Gedanken seien erwähnt: Der in Berkeley lebende
Katalane Castells konstatiert für die Gegenwart eine „bipolare
Opposition zwischen dem Netz und dem Ich“. Dem entspricht
– und da steht er in gewisser Hinsicht in der Tradition seines
eigenen wissenschaftlichen Anfangs im Zeichen des Marxismus
– eine Bipolarität zwischen einer globalisierten Elite mit
ihrer Davos-Kultur und dem nennen wir es: „Weltvolk“. Denn
während die Eliten kosmopolitisch ausgerichtet sind, verhalten
sich die Menschen lokal. Das Kapital ist koordiniert – eine
globale Kapitalistenschicht besteht jedoch nicht (Bd. 1: 474,
englische Ausgabe), die Arbeit wird dagegen zunehmend individualisiert.
Die multimediale Welt ist in zwei Großgruppen geteilt: in
diejenigen, die interagieren und diejenigen, die sozusagen
interagiert werden (Bd. 1: 371). Dabei spielen die Massenmedien
und ihre virtuelle Realität eine wichtige Rolle, Raum und
Zeit erhalten einen neuen Stellenwert. Entscheidend werden
Strömungen (space of flows) und eine zeitlose Zeit (timeless
time), wobei die meisten Informationsströme in den USA, d.h.
besonders zwischen New York und Los Angeles, ablaufen. Die
globale Stadt figuriert nicht als ein Ort, sondern als Prozess
mit einigen Innovationsstandorten wie z.B. Silicon Valley.
Auf Wissen basiert die neue Informationsgesellschaft, sie
organisiert sich in Netzwerken, führt zu einer Verhäuslichung
des Arbeitslebens und zu einem Strukturwandel der Städte.
Die Kraft dieser (Informations-)Ströme ist stärker als die
Impulse der Macht, damit scheint die soziale Morphologie,
d.h. die Wirkung von Organisationsstrukturen, wichtiger zu
sein als die soziale Aktion – ein Gedanke, mit dem sich Politikwissenschaftler
nur schwer anfreunden können. Bei der Netzwerkgesellschaft
handelt es sich um ein offenes, in hohem Maße dynamisches
und kapitalistisches System (Bd. 1: 470). Im Informationszeitalter,
so im Schlussabschnitt des ersten Bandes, besteht eine kulturelle
Autonomie vis-à-vis den materiellen Grundlagen unserer Existenz
(Bd. 1: 478).
Nun dürfte schon nach dem Eingangsband klar sein, dass nicht
alle Menschen, u.a. Castells selbst, diese Zustände in allen
Aspekten erstrebenswert finden. Folgerichtig handelt denn
auch der zweite Band von der (Gegen-) Macht der Identitäten.
Als ausschlaggebend wird der Bruch zwischen den globalen Verhältnissen
sowie den lokalen Bedingungen von Individuen und sozialen
Gruppen gesehen (Bd. 2: 11). Gruppen konstituieren sich in
diesem Prozess globaler sozialer Desintegration in Form eines
kommunalen bzw. regionalen Widerstandes. Er bezeichnet dies
als Identitätspolitiken. Neben der globalen Elitenbildung
kommt es zu Formen von Rebellionen gegen die Globalisierung
und zwar von links und rechts: Auf der Rechten nennt er religiöse
Fundamentalisten, den kulturellen Nationalismus und diverse
territoriale Gemeinschaften. Auf der Linken finden sich u.a.
die Zapatisten, die erste Guerilla des Informationszeitalters,
die der Autor in ihrer Bedeutung möglicherweise überschätzt.
Angesichts solcher und anderer positiv eingeschätzter Bewegungen
– die Grünen, die Frauenbewegung und die Krise des Patriarchats
werden ausführlich behandelt – scheint der Staat an Einfluss
zu verlieren. Geschwächt sieht er sich vor allem aber durch
die Globalisierung und die Dominanz personenorientierter Medieninszenierungen,
die zu einer Nordamerikanisierung der europäischen Politik
führen. Castells beschreibt Krisensymptome in den europäischen
Parteiensystemen und konstatiert, dass die politische Demokratie
zur leeren Schale gerät. Eine Wiedergeburt der Demokratie
schließt er indessen nicht aus. Allerdings schwankt die sich
abzeichnende Gesellschaft – und dazu verwendet er zwei deutschsprachige
Begriffe – zwischen der alten Logik der Macht und der neuen
Logik der Selbstanschauung (Bd. 2: 355). Neue
Identitäten sind vorhanden, aber sie kommunizieren
kaum miteinander und noch weniger mit dem Staat. So gelingt
es ihnen nicht, zu sogenannten Projektidentitäten zu werden.
Wo liegt nun die Macht in dieser neuen Konstellation? Nach
wie vor ist sie vorhanden und übt eine Herrschaft aus. Die
Macht liegt in den Informationskodizes, dagegen verliert die
alte Arbeiterbewegung an Bedeutung. Zwei potenzielle Kräfte
zeichnen sich ab: Da sind einmal die sogenannten. Propheten.
Es gibt deren gute und schlechte. Subcomandante Marcos, compadre
Palenque in La Paz, aber eben auch Or aus Ashara, der Guru
einer mörderischen japanischen Sekte. An zweiter Stelle nennt
er die neuen sozialen Bewegungen und ihre alternativen Netzwerke
als Gegenkräfte zur Logik der Informationsgesellschaft (Bd.
2: 361f.).
Der dritte Band mit
dem suggestiven Titel „End of Millenium“ (1998) weist keinen
klaren Weg ins 21. Jahrhundert, sondern stellt eher eine Bestandsaufnahme
dar. Castells schildert die Krise des Etatismus/Staatssozialismus
in der Sowjetunion, spricht von dem Entstehen einer „Vierten
Welt“ in Afrika, geht auf die organisierte Kriminalität im
Weltmaßstab ein und behandelt ausführlich die Entwicklung
in Asien sowie – wesentlich kürzer – den Prozess der Europäischen
Einigung. Der Schluss fällt ein wenig verhalten aus. Nochmals
wird auf die Bedeutung der Kultur verwiesen: „Kulturkämpfe
sind die Machtkämpfe des Informationszeitalters.“ (Bd. 3:
368) Sie werden weitgehend in den Medien ausgetragen, aber
die Medien sind nicht die Macht, sie liegt vielmehr in den
Netzwerken des Informationsaustausches und der Manipulation
von Symbolen. Die letzten Zeilen plädieren für eine aktive
Rolle des Intellektuellen bzw. Sozialwissenschaftlers. Nachdem
sie im 20. Jahrhundert versucht hätten, die Welt zu verändern,
solle es im 21. Jahrhundert darum gehen, sie anders zu interpretieren.
Das Schlusskapitel des letzten Bandes beginnt und endet mit
einem Gedicht von Pablo Neruda. Auch wenn sich Castells als
engagierter Wissenschaftler versteht, so lehnt er doch jeden
Determinismus ab. Er ist kein Anhänger geschichtsphilosophischer
Entwürfe, er betrachtet sich als Analytiker und verzichtet
auf Prognose.
Schon der erste Band
ist wesentlich vielfältiger als in dieser Besprechung auch
nur angedeutet werden konnte. Namhafte Intellektuelle und
Rezensenten haben das Werk nicht nur und zurecht gelobt, sondern
sogar in den Rang der Analysen von Max Weber erhoben. Castells
verweist an einer Stelle selbst auf methodische Überlegungen
Webers (Bd. 1: 225f., deutsche Ausgabe). Dennoch geht der
Zauber, der bei der Lektüre der englischen Version streckenweise
aufkommt, in der deutschen Ausgabe etwas verloren. Verschiedene
Gründe sind dafür ausschlaggebend: Zum einen erwartet man
von einem Werk dieser Größenordnung in der – möglicherweise
überholten – deutschsprachigen Tradition eine größere begriffliche
Präzision, was nicht dem Übersetzer anzulasten ist. Auf eine
längere methodische Einleitung oder Hinführung hat der Autor
indessen bewusst verzichtet, auch fehlt der historische Bezug.
Damit ist die Darstellung sicherlich zeitgemäß und global
angelegt, sie klammert aber unterschiedliche historische Traditionen,
die bei der Suche nach Identität den je spezifischen regionalen
Kontext und Hintergrund abgeben, mehr oder weniger aus.
Zum anderen erschien
die Trilogie auf dem Höhepunkt der sogenannten „new economy“.
Auch wenn Castells – wie bereits erwähnt – nicht zu ihren
kritiklosen Anhängern zählt, so werden doch die positiven,
demokratischen und individueller Gestaltungskraft überlassenen
Bereiche der Informations- und Netzwerkgesellschaft in den
Vordergrund gerückt. Seit dem 11. September 2001 hat der Begriff
„Netzwerk“ auch einen anderen und unheilvollen Klang erhalten.
Castells geht vor allem im 3. Band auf Exklusion und Verarmung
in verschiedenen Weltregionen im Informationszeitalter ein,
die damit einhergehenden Formen des Staatszerfalls, die ethnischen
Konflikte und unilaterale Reaktionen der Großmächte kommen
jedoch eher am Rande vor.
Und schließlich können
Politik oder auch Religion in dieser neuen informationellen
Welt keine gestalterische Rolle mehr übernehmen; der religiöse
Fundamentalismus als „wahrscheinlich die mächtigste Kraft,
die in diesen wirren Zeiten persönliche Sicherheit vermittelt
und kollektive Mobilisierung bewirkt“ wird frühzeitig aufgeführt
(Bd. 1: 3, deutsche Ausgabe), er entfaltet jedoch vor allem
zerstörerische Wirkungen. Der Untertitel lautet „Wirtschaft
– Gesellschaft – Kultur“, die Politik kommt kaum vor und wenn,
dann auf der Ebene einzelner Personen und Bewegungen, Institutionen
und Parteien scheinen bedeutungslos zu werden, eine Rückkehr
des Staates nahezu ausgeschlossen. Damit fällt die Fahrt in
das informationelle Zeitalter eigenartig alternativlos aus.
Häufig wird in den
drei Bänden auf spätere Teile verwiesen. Einen roten Faden
sollte der Leser nicht suchen, allerdings finden sich an verschiedenen
Stellen Zusammenfassungen und Überleitungen, wodurch ein trotz
der Materialfülle gut lesbarer Text vorliegt. Die verschiedenen
Teile bauen nicht zwingend aufeinander auf, was sowohl den
fünfseitigen Ausführungen „Etwas zur Methode“ als auch dem
komplexen Gegenstand widersprechen würde. Seine „Methodologie“
hat er vorsichtig wie folgt beschrieben: „Einige Elemente
einer explorativen, inter-kulturellen Theorie der Wirtschaft
und Gesellschaft des Informationszeitalters speziell im Hinblick
auf die Entstehung einer neuen Gesellschaftsstruktur vorzuschlagen“
(Bd. 1: 27, deutsche Ausgabe) und weiter: „Dieser Ansatz beruht
auf meiner Überzeugung, dass wir in eine wahrhaft multikulturelle,
interdependente Welt eingetreten sind, die nur dann verstanden
– und verändert – werden kann, wenn wir eine plurale Perspektive
einnehmen, die kulturelle Identität, globale Netzwerke und
multidimensionale Politik zusammenführt“ (Bd. 1: 29, deutsche
Ausgabe). Trotz über 1.500 Seiten gleicht die Trilogie zuweilen
einer Sammlung von Essays, als Nachschlagewerk ist sie trotz
des Registers nur bedingt geeignet, was nicht zuletzt an den
schnellen Alterungsprozessen von Informationen im Informationszeitalter
liegt. Einen Wegweiser findet der Leser also nicht, wohl aber
einen wichtigen und anspruchsvollen Zwischenbericht.
Nikolaus Werz
Universität Rostock
Pierre Englebert:
State Legitimacy and Development in Africa
Boulder
and London 2000
Lynne
Rienner, 243 S.
Diese Dissertation aus der University of Southern California entstand im Fach Politische Ökonomie,
das in den USA keineswegs exklusiv von Neo-Marxisten betrieben
wird, wie es bei seiner Wiederentdeckung in Deutschland
in den 1960er Jahren den Anschein hatte. Es bedeutet vielmehr
einfach, dass die Zusammenhänge der zu erforschenden Politik
mit dem Wirtschaftsleben in den Vordergrund der Analyse
gerückt werden. Der Autor lehrt jetzt als Assistant
Professor am Pomona College in Kalifornien Politikwissenschaft.
Er tut uns den Gefallen, gleich auf Seite vier präzise
zu schreiben, was er unter seinem Schlüsselbegriff - Legitimität
- verstanden wissen will: „Ein Staat ist legitim, wenn
seine Strukturen sich endogen innerhalb seiner eigenen
Gesellschaft entwickelt haben und wenn ein gewisses Niveau
geschichtlicher Kontinuität in seinen Institutionen besteht“. Es ist nur erstaunlich, dass er dieses Konzept
ausgerechnet auf Afrika anwendet, für dessen politische
Systeme er gleich anschließend die üblichen Bezeichnungen
„vorkolonial“ und „nachkolonial“ verwendet – mit vollem
Recht, denn die heutigen Staaten Afrikas sind mit ganz
wenigen Ausnahmen (mir fallen eigentlich nur Marokko und
Swaziland ein, seit der Kaiser von Äthiopien 1974 gestürzt
wurde) in ihren Strukturen in geradezu erdrückendem Ausmaß
durch das Intermezzo der europäischen Fremdherrschaft
bestimmt, mag diese auch nur die erste Hälfte des 20.
Jahrhunderts ausgefüllt haben. Das bestreitet Englebert
gewiss nicht, trotzdem beharrt er darauf, das Fortwirken
der Kolonialstrukturen auszublenden und „…das Zusammenspiel
zwischen vor- und nachkolonialen Institutionen als Determinante
des Machtkomplexes der nachkolonialen Eliten…“ (S.7) auszuleuchten.
Er macht es dem Leser nicht leicht. Wir haben uns daran
gewöhnt, über manche Begriffe und Begriffsverbindungen
kaum noch nachzudenken, ihre Inhalte als bekannt oder
gar selbstverständlich vorauszusetzen. Englebert erlaubt
uns das nicht. Er fragt beharrlich nach. Was haben „Staat“
und „Politik“ eigentlich mit „Entwicklung“ zu tun? Stehen
sich Staat und Markt bei der Entwicklung gegenseitig im
Weg? Darauf kommt er gleich zu Beginn seines ersten Hauptteils
zu sprechen, der „State
Capacity and Development“ betitelt ist. Er informiert
uns, dass seiner Meinung nach Staat und Markt zusammen
gehören, dass Entwicklung sich aus der Anwendung eines
bestimmten Fächers wirtschaftspolitischer Maßnahmen (z.B.
staatliche Investitionen in Bildungswesen und Infrastruktur)
und aus der Existenz bestimmter Institutionen (was man
so „good governance“ nennt)
ergibt, woraus er für Afrika natürlich die Frage ableitet,
„…warum manche Regierungen diese Politik und diese Institutionen
nicht akzeptieren und dadurch zu Räubern („predatory“)
werden…“ (S.18). Alsbald stößt der Leser auf drei globale
Tabellen mit jeweils hundert oder mehr Staaten, die nach
Indexziffern ihrer entwicklungspolitischen Leistung, ihrer
good governance
und schließlich zusammenfassend ihrer „Entwicklungskapazität“
aufgelistet sind; beruhigt stellen wir fest, dass West-Deutschland
(!) auf letzterer Tabelle schon unter Nr.5 mit der positiven
Indexziffer 1,43 erscheint (nach Luxemburg mit 1,85, Singapur,
Schweiz und Japan), und wundern uns kaum, dass als Afrikas
Klassenprimus Südafrika erst unter Nr.37 (mit 0,26) auftaucht,
während fast alle anderen Staaten des Kontinents negative
Indexziffern bekommen und sich gegen Ende der Liste drängeln,
die mit Nr.100 Angola (-1,60) schließt.
Was also ist los in Afrika? “…Obwohl der afrikanische
Durchschnitts-Staat nicht kollabierte, ist seine Kapazität
schwach, Ordnung und Sicherheit zu gewährleisten, Wachstumspolitik
zu entwerfen und auszuführen, Gesetze zu beschließen und
durchzusetzen, Märkte zu regulieren, seine Grenzen und
seine Beamten zu kontrollieren, sich glaubwürdig auf kommerzielle
Geschäfte einzulassen, Streitigkeiten zu schlichten und
Ressourcen einzuteilen“ (S.41/42). Schaubilder und Tabellen
beziffern diese Aussage im Vergleich mit anderen Regionen
der Dritten Welt, ob es nun um die Zahl der Telefone pro
1000 Erwerbstätige, um Abwesenheit von Korruption oder
um Unterdrückung bürgerlicher Freiheiten geht. Das alles
ist nicht gerade sensationell neu, und wir haben immer
schon geahnt, dass einige Länder wie Botswana, Mauritius,
Lesotho, Swaziland, die Kapverden oder Seychellen sich
positiv vom lamentablen Durchschnitt abheben, obwohl sie
im Moment der Unabhängigkeit auch ziemlich schlecht dastanden.
Unser Autor weigert sich, das einfach damit zu erklären,
dass die genannten Staaten relativ klein und/oder fast
alle um die große dynamische Republik Südafrika geschart
wären. Nein, er erklärt uns die Hintergründe und Zusammenhänge
in zwei weiteren Hauptteilen von mehr als hundert Seiten,
und er schlägt sich dabei, wie das einer Dissertation
angemessen ist, mit Bündeln theoretischer und empirischer
Wissenschaftsliteratur von Schumpeter bis Fukuyama, von
Basil Davidson bis Jean-François Bayart herum. Die Bibliographie
füllt 21 eng bedruckte Seiten; sogar einige Titel in französischer
Sprache sind dabei.
Haben die sprichwörtlichen „Stammesfehden“ Schuld, vornehm
„ethnic heterogeneity“ genannt? Nein
(S.68), diese Theorie sei schwach. Um eine solidere zu
entwickeln, breitet Englebert seinen Begriff der staatlichen
Legitimität in empirischer Fülle aus. Da gibt es die vertikale
Legitimität, gemeint ist Akzeptanz der Regierung als Autorität;
die ist für ihn nur in Äthiopien stark (S.80; angesichts
der auf S.4 definierten Prämisse überrascht das nicht),
wobei er die Zerstörung der christlich-kaiserlichen Tradition
nach 1974 jedoch übergeht; höchstens für Botswana, Lesotho
und Swaziland lässt Englebert mit Abstrichen Ähnliches
gelten. Dann gibt es die horizontale Legitimität, und
die leidet unter den kolonialen Grenzen, die sich nicht
um ältere politische Systeme kümmerten; das gilt selbst
für das ethnisch homogene Somalia, weil so viele Somali
sich in Äthiopien, Kenia und Dschibuti als Irredenta wiederfanden.
Wenn es mit beiden Dimensionen der Legitimität nicht weit
her ist, nehmen die politischen Führer Zuflucht zu den
Praktiken, die man gern mit „Neopatrimonalismus“ etikettiert
– Korruption, Nepotismus usw. Auch das sind keine revolutionären
Erkenntnisse. Braucht man wirklich zehn Druckseiten, um
an diesen Kategorien entlang nachzuweisen, „warum Kongo
arm und Botswana reich ist“ (S.105-115)? Jedenfalls rekapituliert
der Leser gern die Vielfalt der Verflechtungen von Politik
und Wirtschaft in diesen beiden Ländern.
Resultat? „…State
Legitimacy ist ein wichtiges Element dessen, was
Afrika südlich der Sahara vom Rest der Welt bezüglich
Wirtschaftsleistung unterscheidet – neben „realen“ Angebots-Schocks
wie Klimabedingungen, geographische Lage und sogar Veränderungen
der terms of
trade. Afrika hat die größte Konzentration illegitimer
Staaten von allen Weltregionen…“ (S.175/176). Also kommt
die Armut doch nicht von der „pauvreté“, sondern ist in erheblichem Umfang „hausgemacht“, wie
wir Europäer uns das ja in unseren Wahlkämpfen ebenfalls
um die Ohren schlagen. Ich bin bereit, dem Autor diese
These abzunehmen. Nur warum man bei der Statuierung des
afrikanischen Exempels die immer noch aktiven Mechanismen
der Kolonialherrschaft, die von ihr eingeführte Wirtschaft,
Verwaltung und Politik so konsequent ausblenden muss,
leuchtet mir nicht ein.
Franz
Ansprenger
Freie Universität
Berlin
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