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(Sonja Hegasy)
Dani Rodrik:
Grenzen der Globalisierung: Ökonomische Integration und
soziale Desintegration
(Thomas Sauer)
(Martin Mendler)
Rainer
Tetzlaff (Hg.):
Weltkulturen unter Globlisierungsdruck.
Erfahrungen und Antworten aus den Kontinenten.
Bonn 2000
J. H. W. Dietz Nachfolger, 380 S.
Es ist nicht einfach, Leser für ein weiteres Buch zum Thema “Globalisierung”
zu finden. Aber wer sich nicht nur für den ökonomischen Aspekt des
Globalisierungsprozesses interessiert, sondern sich mit den Reaktionen
außereuropäischer Kulturen auseinandersetzen möchte, findet in dem
Sammelband “Weltkulturen unter Globlisierungsdruck” von Rainer Tetzlaff
einen interessanten, deutschsprachigen Beitrag. Tetzlaff konnte
Entwicklungsexperten aus mehreren Kontinenten gewinnen, die sich
nicht nur der reinen Lehre verschrieben haben, sondern zum Teil
auch praxisbezogen forschen. So engagiert sich die Soziologin Gail
Omvedt in Frauenprojekten und Bauernorganisationen in Indien, und
der Autor, der Reaktionen aus Afrika analysiert, ist gleichzeitig
Generalsekretär des „Africa Leadership Forum“.
Nachdem Tetzlaff unter Rückgriff auf die gängige Literatur (Giddens, Held,
Robertson) Globalisierung noch einmal zusammenfassend definiert,
teilt er die Teilnehmer der weltweiten Debatte um Globalisierung
in Optimisten, Pessimisten und Realisten ein. Es ist allerdings
zweifelhaft, ob derzeit wirklich jemand diesen Prozess „realistisch“
einschätzen kann, und so ist Tetzlaffs Illustration dieser Position
anhand der neuesten Veröffentlichung von George Soros wenig überzeugend.
Unstrittig sind dagegen die von Tetzlaff beschriebenen sozialen
Kosten der Globalisierung sowohl in der Ersten als auch in der Dritten
und Vierten Welt. Nun kommt der Herausgeber zur Kernthese seines
Sammelbandes: Kultur biete dem Einzelnen die Möglichkeit, seine
Erfahrungen zu verorten und Orientierungen für seine Handlungen
zu gewinnen. Trotz ihrer schwachen sozialwissenschaftlichen Begründung
übernimmt Tetzlaff hier die Annahme, dass „eine konfuzianisch geprägte
Leistungsethik globalisierungsfreundlicher
ist als eine wertkonservative Egalitätsethik afrikanischer Tradition,
die eigennütziges Konkurrenzverhalten eher sanktioniert als ermutigt.“
(S. 38) Tetzlaff stellt die kulturabhängige Entstehung von Wirklichkeit
in den Mittelpunkt seines Verständnisses der außereuropäischen Globalisierungsdebatte.
An dieser These kann man sich reiben oder sie unterstützen - sie
wird von Tetzlaff auf jeden Fall überzeugend belegt und ohne Ressentiments
vorgetragen. Sensibel geht er auch der Frage nach, ob das subsaharische
Afrika auf Dauer von positiven Globalisierungseffekten ausgeschlossen
sein wird.
Die demographische und die kommunikationstechnische Dimension der Globalisierungsdebatte
werden anschließend in zwei länderübergreifenden Beiträgen behandelt.
Kern des Buches bilden dann die Beiträge über Asien, Afrika und
Lateinamerika. Hier ist sicherlich die spannendste Frage, ob es
unterschiedliche kulturell bedingte Reaktionen auf die Globalisierung
gibt. Stellvertretend soll die Antwort aus den Beiträgen von drei
Autoren vorgestellt werden: Yu Keping (China), Ayodele Aderinwale
(Afrika) und Klaus Esser (Lateinamerika).
Chinesische Wissenschaftler haben nach Keping schon Anfang der neunziger Jahre
sehr schnell auf die aus dem Westen kommende Globalisierungsdebatte
reagiert und auf eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem
Thema gedrängt. Die Asienkrise, die China nur am Rande erfasste,
löste dann auch deutliche Stellungnahmen der Politik aus. Keping
stellt drei Definitionen von Globalisierung vor, die chinesische
Wissenschaftler entwickelt und debattiert haben. Die erste Gruppe
gehe davon aus, dass Globalisierung „ein Prozess der Integration
menschlichen Lebens ist, insbesondere eine globale und holistische
Tendenz jenseits von Regionen und Nationen.“ Die zweite Gruppe setzt
Globalisierung mit Spätkapitalismus gleich, und für die dritte Gruppe
bedeutet Globalisierung Amerikanisierung. Was die Verdrängung chinesischer
Kultur durch die Globalisierung betrifft, so werden die Vertreter
einer „kulturellen chinesischen Quintessenz“ laut Keping immer weniger.
Die Mehrheit sieht in der globalen Kultur und Sozialisation eine
unvermeidbare und nützliche Realität. Dabei stellt Keping nüchtern
fest, dass positive wie negative Implikationen in derselben Weise
auf China zutreffen, wie auf die ganze Welt. Auffallend ist, dass
der Begriff “Konfuzianismus” bei ihm nicht vorkommt, während man
für die arabische Welt immer wieder nach den Antworten "des
Islams" auf die Globalisierung fragt. Kepings spannende Schlussfolgerung
lautet, dass der Globalisierungsdiskurs die ideologische Dichotomie
von Sozialismus versus Kapitalismus in China aufweicht.
Aus der Perspektive von Aderinwale ist Globalisierung alter Wein in neuen
Schläuchen. Europäischer Handel und koloniale Expansion haben den
afrikanischen Kontinent schon seit dem 15. Jahrhundert in die westliche
Expansion miteinbezogen. Neu sei daran nur, dass sich die Akteure
ändern. Bedeutet Globalisierung für einen allen Statistiken zufolge
marginalen Kontinent eine „Neo-Marginalisierung“? Wer werden hier
die Gewinner und Verlierer sein? Aderinwale berichtet, dass die
junge afrikanische Elite den Globalisierungsprozess begeistert aufnimmt.
Aber er zitiert auch einen Ökonomen, der von einer Kultur der Abhängigkeit
von internationalen Geberorganisationen spricht. In dieser Kultur
warte man darauf, an die Globalisierung angeschlossen zu werden:
„Wir haben den Zug verpasst, aber wir können uns den Preis für ein
Flugticket nicht leisten“, sagt Ahmed Mohiddin. Als sichtbarste
Konsequenz des Globalisierungsprozesses beschreibt Aderinwale den
Zusammenbruch traditioneller Formen von Autorität und Autoritarismus
in Afrika.
Esser spricht in seinem Beitrag zu Lateinamerika von den Auswirkungen eines
iberischen Erbes, das eine schwache Modernisierungsdynamik mit sich
brachte. Die Denk- und Handlungsmuster der lateinamerikanischen
Gesellschaften seien außergewöhnlich stabil, da historische Kontinuitätsbrüche
immer abgefedert werden konnten. Das gelte auch für die mit der
Globalisierung einhergehenden wissenschaftlichen, wirtschaftlichen
und kommunikationstechnischen Revolutionen. Esser macht eine geringe
Binnendynamik aus, die sich in einer schwachen intellektuellen Auseinandersetzung
mit der Globalisierung widerspiegelt. Essers Kernthese lautet, dass
die Gewöhnung an Kulturtransfers paradoxerweise zu Lernimmunität
in Lateinamerika beigetragen habe.
Da der Sammelband keinen eigenständigen Beitrag zur arabischen Welt bietet,
wären mehr Informationen in Tetzlaffs vielversprechendem Unterkapitel
„Kreative Reaktionen auf Globalisierung: Die Welten des Islam“ von
großem Interesse gewesen. Diese Lücke kann sicherlich mit einem
Verweis auf die Publikationen des Globalisierungsschwerpunkts am
Zentrum Moderner Orient unter Henner Fürtig geschlossen werden.
Hinter den streckenweise normativen Situationsbeschreibungen scheinen immer
wieder die Antworten der Weltkulturen durch, die den Sammelband
lesens- und diskussionswert machen.
Sonja
Hegasy
Zentrum Moderner Orient
Berlin
Dani Rodrik:
Grenzen der Globalisierung:
Ökonomische Integration und soziale Desintegration
Campus, 133 Seiten
Es wurde
höchste Zeit, dass dieses Buch auch in deutscher Sprache veröffentlicht
wurde. Als es 1997 beim Institute for International Economics in Washington
unter dem Originaltitel „Has Globalization Gone Too Far?“ erschien,
war die „Battle of Seattle“, die eine hochrangige Welthandelskonferenz
zum Platzen brachte, noch nicht geschlagen. Mittlerweile gehört der
Protest von Globalisierungsgegnern zum Bild der Konferenzen der internationalen
Finanz- und Handelsorganisationen. Die nächste Welthandelsrunde wurde
sogar in das ferne Quatar verlegt, damit man ungestört tagen konnte.
Hätte
die internationale politische Klasse dieses Buch von Dani Rodrik frühzeitig
zur Kenntnis genommen, wäre sie vielleicht auf diese Auseinandersetzungen
um die Globalisierung vorbereitet gewesen. Rodrik ist Professor für
Internationale Wirtschaft an der Harvard University und Mitglied des
National Bureau of Economic Research sowie des Centre for Economic
Policy Research, zwei der wichtigsten internationalen Zentren für
wirtschaftswissenschaftliche Forschung. In seinem Buch trägt er nun
die These vor, „dass die größte Herausforderung für die Weltwirtschaft
in den kommenden Jahren darin liegt, die Globalisierung mit der nationalen
sozialen und politischen Stabilität in Einklang zu bringen“ (8).
Die Spannung
zwischen globalem Markt und sozialer Stabilität sieht Rodrik vor allem
aus drei Quellen gespeist:
Ø
einem
zunehmenden Ungleichgewicht zwischen Gruppen, die ihre Ressourcen
über internationale Grenzen transferieren können, und denen, die dies
nicht können,
Ø den Konflikten innerhalb und zwischen Nationen
um nationale Normen und soziale Institutionen,
Ø den Schwierigkeiten nationaler Regierungen,
einen steigenden Bedarf nach sozialer Sicherung zu gewährleisten.
Anhand
dieser drei Punkte entwickelt Rodrik seine kritische Analyse der Auswirkungen
der Globalisierung. Zunächst beschäftigt er sich mit den Auswirkungen
des internationalen Handels auf Arbeitsmarkt und Beschäftigungsverhältnisse.
Dabei weist Rodrik auf die Ironie hin, dass die Ökonomen, die jede
Verantwortung des internationalen Handels für die Probleme der Arbeitsmärkte
sich öffnender Volkswirtschaften abweisen, mit dieser Position zugleich
auch die Wohlfahrtsgewinne leugnen müssten, die sich der nach der
gängigen Theorie eigentlich aus dem Außenhandel ergeben. Denn der
Standard-Außenhandelstheorie zufolge erhöht der internationale Handel
gerade deswegen die Wohlfahrt der Handelspartner, weil er die relativen
Knappheiten von Produktionsfaktoren verändert. Wenn ein entwickeltes
Industrieland Güter, die unter intensivem Einsatz qualifizierter Arbeit
hergestellt wurden, gegen Güter aus einem Entwicklungsland tauscht,
die unter Einsatz einfacher Arbeit erzeugt wurden, und beide Länder
von diesem Austausch profitieren sollen, dann muss es auch eine Kehrseite
geben: Einfache Arbeit wird in den Industrieländern weniger nachgefragt
und schlechter entlohnt; dasselbe gilt für qualifizierte Arbeit in
den Entwicklungsländern.
Jedoch
betrachtet Rodrik die Arbeitsmarktwirkungen des Nord-Süd-Handels als
ein Phänomen von untergeordneter Bedeutung: Der Großteil des Welthandels
(und des Kapitalverkehrs) findet zwischen Industrienationen mit ähnlicher
Faktorausstattung statt. Gerade dieser Nord-Nord-Handel steigert die
Flexibilität, mit der die Arbeitgeber auf Veränderungen der Löhne
reagieren können, indem sie die Produktion auslagern oder Produkte
aus dem Ausland importieren. Dies hält Rodrik für das wesentliche
Phänomen der Globalisierung: Arbeitskraft wird insgesamt leichter
ersetzbar, weil der Produktionsfaktor Kapital mobiler wird. Das Maß
der Offenheit sei dabei nicht das absolute Handels- und Investitionsvolumen,
sondern die Leichtigkeit, mit der internationale Transaktionen getätigt
werden können. Und diese haben sich gerade zwischen den Industrieländern
drastisch erhöht.
Die zunehmende
Ersetzbarkeit von Arbeitskraft hat jedoch einschneidende Konsequenzen:
Sie unterminiert aus der Sicht Rodriks den Nachkriegs-Sozialvertrag
zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Die bedeutet insbesondere:
Ø die Arbeitnehmer müssen einen wachsenden
Anteil an den (lohnfremden) Kosten verbesserter Arbeitsbedingungen
und Sozialleistungen selbst tragen, Arbeitgeber können sich ihrer Finanzierung immer mehr entziehen.
Ø Arbeitnehmer müssen stärkere Schwankungen
der Entlohnung und der Arbeitszeiten in Kauf nehmen, die sich aus
den Veränderungen der Arbeitsnachfrage oder der Arbeitsproduktivität
ergeben; Instabilität und Unsicherheit auf den Arbeitsmärkten nehmen
zu.
Ø Die gewerkschaftliche Verhandlungsmacht
der Arbeitnehmer erodiert, so dass die Gewerkschaften nur noch niedrigere
Löhne und Sozialleistungen durchsetzen können.
In seinem
zweiten inhaltlichen Hauptteil („Spannungen zwischen Außenhandel und
nationalen sozialen Arrangements“) untersucht Rodrik das konfliktreiche
Verhältnis von Globalisierung und Sozialstaat. Dabei geht er von der
Prämisse aus, die er bereits in der Einleitung formulierte: „Da Handelspolitik
fast immer Auswirkungen auf die Verteilung ... hat, kann man den Freihandel
nicht aus Prinzip verteidigen, ohne sich der Frage nach der Fairness
und Legitimität der Praktiken zu stellen, die diese Auswirkungen hervorrufen“
(12). Dies gelte um so mehr, als die Zeiten vorbei seien, in denen
es bei handelspolitischen Auseinandersetzungen hauptsächlich um Eingriffe
an den Grenzen – also um Zölle und nichttarifäre Handelshemmnisse
– ging: „Die zentralen handelspolitischen Themen der Zukunft sind
die 'tiefe Integration', die die Politik innerhalb der nationalen
Grenzen betrifft, und die Art ihres Managements“ (50). So ist es kein
Zufall, dass sich Rodrik in diesem Kapitel mit der wirtschaftlichen
Integration und Sozialpolitik Europas beschäftigt. Während
von 1958 bis 1973 in der damaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft
Sozialpolitik „wohlwollend“ vernachlässigt wurde, sei seit Mitte der
siebziger Jahre eine geringeres Wachstum und eine stärkere Heterogenität
der sozialpolitischen Standards zu verzeichnen. Allein der Europäische
Gerichtshof habe im Sinne einer Angleichung der Sozialpolitik eingegriffen,
allerdings immer nach dem Prinzip, dem zufolge die nationale Sozialpolitik
die freie Bewegung von Gütern, Dienstleistungen und Personen im gemeinsamen
Binnenmarkt nicht einschränken dürfe. Allerdings stellt Rodrik dieses
Prinzip zumindest teilweise in Frage: „Da Regierungen routinemäßig
in den Entscheidungsprozeß darüber eingreifen, welche Technologien
zulässig sind, und dabei soziale Kosten und nationale Normen in Rechnung
stellen, kann man kaum stichhaltig darlegen, warum der internationale
Handel kategorisch von dieser Herangehensweise ausgeschlossen sein
sollte“ (64). Allerdings hatte er zuvor bereits einschränkend erklärt,
dass solche Überlegungen nicht den Versuch decken, anderen Nationen
die eigenen Normen und Institutionen aufzuoktroyieren.
Im letzten
inhaltlichen Kapitel untersucht Rodrik den Zusammenhang zwischen zunehmendem
internationalen Handel und der Nachfrage nach sozialer Sicherheit:
Dabei kommt er zu bemerkenswerten Ergebnissen: Er entdeckt einen eindeutigen
positiven Zusammenhang zwischen der Offenheit von Volkswirtschaften
und der Höhe der Regierungsausgaben. Bemerkenswert ist auch seine
Erklärung für diesen Zusammenhang: Das Rätsel hoher Staatsausgaben
in Ökonomien, die sich stark in den Weltmarkt integriert haben, sei
gelöst, „wenn man die soziale Sicherung und die Rolle der Regierung
bei der Sicherung gegen externe Risiken berücksichtigt. Gesellschaften,
die sich höheren externen Risiken aussetzen, fordern und erhalten
eine stärkere Rolle der Regierung zum Schutz vor den Ausschlägen der
globalen Märkte“ (71). Diese Vermutung kann Rodrik auch durch weitere
empirische Untersuchungen belegen. Der Sozialstaat ist aus dieser
Sicht die Kehrseite der offenen Volkswirtschaft.
Zugleich
führt die zunehmende Öffnung der Volkswirtschaften in das zentrale
Dilemma der Globalisierung: „Sie führt zu einer wachsenden Nachfrage
an den Staat, soziale Sicherheit zu gewährleisten, während sie gleichzeitig
die Fähigkeit des Staates verringert, diese Leistungen auch zu erbringen“(ebd.).
Rodriks Untersuchungen bestätigen nämlich auch, dass in dem Maße,
in dem die wirtschaftliche Integration einer Volkswirtschaft fortschreitet,
die Steuerlast zur Finanzierung sozialer Sicherheit vom Faktor Kapital
auf den Faktor Arbeit übergeht. Letzterer ist jedoch angesichts der
– infolge der Globalisierung – gestiegenen Elastizität der Nachfrage
nach Arbeit auch nicht mehr grenzenlos mit weiteren Sozialabgaben
belastbar. In der zunehmenden „Unfähigkeit der Regierungen, ihren
Teil des sozialen Vertrags einzuhalten, mit dem die internationale
Liberalisierung nach dem Krieg verknüpft war“ (84) sieht Rodrik eine
Quelle ernster Probleme für die Akzeptanz der Globalisierung.
In seinem
Buch bringt Rodrik starke Belege für die Gefahr, dass „die Globalisierung
zur sozialen Desintegration beiträgt, wenn Nationen in Bezug auf wirtschaftlichen
Status, Mobilität, Region und soziale Normen gespalten werden“ (86).
Es ist Rodrik nur zuzustimmen, wenn er von den Ökonomen ein gründliches
Nachdenken darüber fordert, wie angemessene Politikansätze und Institutionen
entwickelt werden können, die dem Bedarf an sozialer Sicherung gerecht
werden. Plausibel auch seine Folgerung, dass eine Besteuerung der
ungebunden Faktoren auf globaler Ebene, deren Einnahmen unter den
Nationen verteilt würden, in die Überlegungen einbezogen werden muss.
Diesen Gedanken bezieht Rodrik im Unterschied zur Tobin-Steuer auf
das physische Kapital.
Einen
wichtigen Hinweis gibt Rodrik den nationalen Regierungen noch auf
den Weg: „Einer der Gründe, warum die Globalisierung so ein schlechtes
Image hat, liegt darin, dass die Politiker die Notwendigkeit von Reformen
oft mit der 'Wettbewerbsfähigkeit' begründen. Hohe Haushaltsdefizite
oder eine stagnierende Produktivität senken den Lebensstandard in
vielen Industrieländern und täten dies auch in geschlossenen Volkswirtschaften.
Der Begriff 'Wettbewerbsfähigkeit' selbst ist weitgehend sinnlos,
wenn er auf ganze Volkswirtschaften angewendet wird, außer wenn er
sich auf Dinge bezieht, die schon einen angemessenen Namen haben -
wie Produktivität, Investition und wirtschaftliches Wachstum“ (99).
Rodriks
Buch unterscheidet sich nicht nur durch seine wohltuende Kürze, Widerspruchsfreiheit
und Prägnanz der Argumentation von der Mehrzahl der Erscheinungen
zu den „Grenzen der Globalisierung“. Rodrik konnte seine Erkenntnisse
auf der Grundlage allgemein anerkannter theoretischer Ansätze und
empirischer Methoden gewinnen. Das gibt Hoffnung, dass seine zentrale
Botschaft in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft auch ernst genommen
wird: Die Spannung zwischen sozialer Stabilität und Globalisierung
ist real. Lasst Euch etwas einfallen!
Thomas Sauer
München/Berlin
Tanja Brühl / Tobias Debiel / Brigitte Hamm
/ Hartwig Hummel / Jens Martens (Hg.):
Die Privatisierung
der Weltpolitik.
Entstaatlichung und Kommerzialisierung im Globalisierungsprozess
Bonn 2001
J.H.W. Dietz Nachfolger, 320 S.
Hatte man sich in der außenpolitischen Diskussion
bei der Frage, wer neben den Staatenregierungen der geeignete Partner der Vereinten Nationen sei, der die Beschlüsse der UNO
in die Tat umsetzt, jahrzehntelang überwiegend auf die NGOS (non-governmental organiza-tions, d.h. nicht-staatlichen Organisationen,
oft auch ungenau Nichtregierungsorganisationen genannt) wie Amnesty
International oder Greenpeace konzentriert, ist in den letzten Jahren
eine zweite Gruppe als möglicher Partner der Vereinten Nationen ins
Gespräch gekommen die privaten Wirtschaftsunternehmen.
Welche Bedeutung inzwischen die Tätigkeit privater
Unternehmen in der Weltpolitik erlangt hat, kann man an der Tatsache
ablesen, dass das Auswärtige Amt unlängst sein fünftes „Forum Globale
Fragen“ unter das Motto „Neue Globale Partnerschaften“ stellte. Es
thematisierte damit die von UN-Generalsekretär Kofi Annan in seinem
Konzept des „Global Compact“, d.h. „Globalen Vertrages“, angeregte
freiwillige Einbindung der privaten Wirtschaftsunternehmen in die
Arbeit der Vereinten Nationen. In diesem Zusammenhang hatte die deutsche
Außenpolitik schon im März 2001 in New York maßgeblich an
der Verabschiedung einer Resolution der UN-Generalversammlung mitgewirkt
(UN Doc. A/RES/55/215 vom 6. März 2001), in welcher die Generalversammlung
die verstärkte Zusammenarbeit mit „allen in Frage kommenden Partnern,
insbesondere dem Privatsektor“ unterstützt.
Kofi Annans „Global Compact“, die UN-Resolution und
die Veranstaltung im Auswärtigen Amt spiegeln damit eine rasante Entwicklung
wider, die von manchen mit Hoffnungen, von anderen mit Skepsis und
Befürchtungen begleitet wird: die immer stärker werdende Einbeziehung
privater Unternehmen in die Weltpolitik.
Der von dem Herausgeberteam mit Unterstützung der
Stiftung Entwicklung und Frieden herausgegebene
Band unternimmt in zwölf Beiträgen den Versuch, eine kritische Bilanz
der „Chancen und Risiken der Mitwirkung von privaten Unternehmen in
der Weltpolitik“ zu ziehen, wobei es zum Konzept der Herausgeber gehört,
dass man nicht alleine die Rolle der privaten Unternehmen analysiert,
sondern ebenso die NGOs einbezieht. Die Begründung der Herausgeber
für ihr Vorgehen lautet, dass es sich bei beiden um private Akteure
handele, die sich in die Weltpolitik einmischten und vormals staatliche
Aufgaben übernähmen, dass beide Elemente des Privatisierungsprozesses
seien, der zur Diskussion stehe, und außerdem in vielen Fällen auch
direkt miteinander interagierten, etwa in der internationalen Umwelt-
oder Menschenrechtspolitik. Der Nachteil dieses Vorgehens liegt jedoch
darin, dass die Unterschiede in der Zielsetzung, der Wertorientierung,
im innerorganisatorischen Pluralismus und in der gesellschaftlichen
Legitimation sich dadurch etwas verwischen, wenn sich auch die Autoren
um eine differenzierte Darstellung bemühen. Das Material, so hat man
als Leser den Eindruck, hätte auch gereicht, zwei Bücher, eines über
die Rolle der privaten Unternehmen in der Weltpolitik und eines über
die der NGOs, zu schreiben; so kommen die NGOs in der Darstellung
etwas zu kurz weg. Dieser – nicht sehr gravierende - Mangel wird jedoch
mehr als wettgemacht durch die fundierte und gut belegte Untersuchung
der Rolle der privaten Unternehmen in vielen Feldern der Weltpolitik.
Der Beitrag von Dušan
Reljić über den Vormarsch der großen „transnationalen Medienkonzerne“
und die Kommerzialisierung der Weltöffentlichkeit macht wie alle Beiträge
des Buches die Widersprüchlichkeit der Entwicklungen deutlich: Einerseits
wird die Information der Weltöffentlichkeit zunehmend privatwirtschaftlichen
Interessen unterworfen, d.h. wirtschaftliche Interaktionen zwischen
Staaten werden zu einem zentralen Faktor in der internationalen Berichterstattung
und die lokale Präsenz der transnationalen Nachrichtenagenturen nach
Rentabilitätsgesichtspunkten lässt auf der Weltkarte der Berichterstattung
weiße Flecken entstehen. Andererseits scheint das Internet eine globale
Chance auf einen freien Zugang zu Information für die Menschen in
allen Staaten der Welt zu eröffnen und damit möglicherweise ein Gegengewicht
gegen die Dominanz der Medienkonzerne der Industrieländer zu bilden.
Aber auch die Zugangschancen zum Internet sind abhängig von Einkommen
und Bildungsgrad, so dass die Menschen in einkommensschwächeren Staaten
geringere Aussichten haben, an diesem eher demokratischen Informationssystem
teilzunehmen. Während Reljić die Probleme der zunehmenden Kommerzialisierung der Weltinformationsordnung
präzise beschreibt und mit Zahlen und Fakten belegt, bleibt der Abschnitt
über das Internet eher kursorisch, dessen mögliche Rolle als Korrektiv,
vor allem durch die Präsenz von NGOs im Internet, wird nicht ausreichend
erörtert.
Kees van der
Pijl zeigt in seinem historischen Beitrag, dass sich die Privatwirtschaft
schon seit vielen Jahrzehnten effektiv über „transnationale Vereinigungen“
wie der Rhodes/Milner-Gruppe oder der Trilateralen Kommission vernetzt
hat, um ihre wirtschaftlichen Interessen in den internationalen Beziehungen
zwischen den Staaten zu wahren. Sicher ist es verdienstvoll, die Rolle
dieser Zusammenschlüsse, die oft auch über erhebliche Forschungsressourcen
in Form privater Stiftungen verfügen, einmal eingehender zu studieren.
Pijl müßte allerdings seiner
Kritik am wachsenden Einfluss konservativer privater Gruppen auf die
Außenpolitik vieler Staaten anhand einzelner Fallbeispiele genauer
belegen, was in einem kurzen Beitrag in einem Sammelband natürlich
nicht möglich ist. Überdies neigt Pijl
dazu, diesen Gruppen einen bestimmenden Einfluß auf die nationale
Außenpolitik zuzuschreiben, als ob es keine anderen außenpolitischen
Interessen und keine öffentliche Auseinandersetzung um die Außenpolitik
gäbe. So hat der Leser Schwierigkeiten, Pijls
abschließende Wertung zu teilen, „private Kräfte [sind] dazu übergegangen,
Weltpolitik ganz in die eigene Hand zu nehmen“ (S. 99).
James A. Paul
steht dem eingangs erwähnten Konzept des „Global
Compact“, das UN-Generalsekretär Kofi Annan zum UN-Milleniums-Gipfel
vorgestellt hat und mit dem er die multilateralen Unternehmen dazu
bringen möchte, durch freiwillige Verpflichtungen menschenrechtliche,
soziale und Umweltmindeststandards einzuhalten und sich in Form globaler
Partnerschaften an Hilfs- und Entwicklungsprogrammen von UN-Sonderorganisationen
wie UNHCR, UNESCO und WHO zu beteiligen, ausgesprochen kritisch gegenüber:
Er fürchtet den Ausverkauf der hohen moralischen Legitimation der
Vereinten Nationen, weil die Firmen mit der Mitgliedschaft im „Global
Compact“ werben können, ohne dass eine bindende völkerrechtliche Verpflichtung
sie dazu veranlassen kann, die versprochenen Standards einzuhalten.
Die bisher vorgesehene Kontrolle beim „Global Compact“ beschränkt
sich nämlich auf die öffentliche Diskussion der von den Unternehmen
vorgestellten „best practices“ auf der Internet-Seite des „Global
Compact“. Paul unterstützt
deshalb das von NGOs entwickelte Gegenkonzept eines „Bürgerrechtspakts“ („Citizen Compact“), in dem ein definierter
völkerrechtlicher Rahmen für den Global Compact und stärkere Mitwirkungsmöglichkeiten
der NGOs gefordert werden. Paul
spricht damit zweifellos für viele NGOs, die dem Global Compact eher
skeptisch gegenüber stehen, wenn sie auch angesichts der ständigen
Finanzkrise der UNO kaum Alternativen zu Annans Vorgehen sehen. Phyllis
Bennis vertieft das Thema der Zusammenarbeit der mit der Privatwirtschaft,
indem sie sich mit der zunehmenden „Öffnung
der UNO gegenüber privaten Geldgebern“ widmet. Sie sieht die
Gefahr, dass die UNO dadurch die Fähigkeit verlieren könnte, Kritik
an möglichen Umweltverstößen oder Menschenrechtsverletzungen seitens
privater Unternehmen zu üben, wenn die Durchführung wichtiger UN-Programme
von deren Finanzbeiträgen entscheidend abhängt. Eine solche Finanzierung
lenkt – darin ist Bennis zuzustimmen – ab von den Beitragsrückständen
vieler Mitgliedstaaten, allen voran der USA, und unterläuft außerdem
die politische Verpflichtung aller Mitgliedstaaten, die UNO ausreichend
mit Finanzmitteln auszustatten. Bennis
diskutiert jedoch ebensowenig wie Paul,
wie denn die Vereinten Nationen, wenn sie die Partnerschaft mit und
Finanzhilfen von privaten Unternehmen als zu riskant ansehen, mit
ihrer Finanzkrise ohne Einbeziehung der privaten Unternehmen fertig
werden sollen. Aus diesem Grund plädieren eben viele NGOs dafür, das
neue Konzept erst einmal auszuprobieren, da es neben den Risiken auch
neue Chancen biete.
Wie weit private Firmen inzwischen die Situation
ganzer Volkswirtschaften entscheidend beeinflussen können, belegt
Ernst Hillebrand in seinem Beitrag über
die „Rolle privater Rating-Agenturen“ in den Industriestaaten des
Nordens, die mit ihren Bewertungen darüber entscheiden, ob und zu
welchen Zinsbedingungen Länder Kredite am internationalen Kapitalmarkt
aufnehmen können. Seit sich die Staaten zunehmend aus der Entwicklungsfinanzierung
zurückgezogen haben und international tätige Großanleger am privaten
Kapitalmarkt die Lücke füllen, stehen die Rating-Agenturen in Konkurrenz
zu IWF und Weltbank. Da sie ihre Bewertungen überwiegend an marktwirtschaftlichen
Kriterien ausrichten, ist es Aufgabe der Zivilgesellschaften der Industrieländer,
aber auch der Entwicklungsländer, andere Gesichtspunkte wie Nachhaltigkeit
des Wachstums in den Mittelpunkt zu stellen.
In der operativen „Katastrophen- und Entwicklungshilfe“
treten die Staaten immer weniger direkt in Erscheinung, wie Bernd Ludermann darlegt. Hier nehmen NGOs
im Auftrag nördlicher Staaten „als privater Arm der Geberstaaten“
(S. 174) Funktionen wahr, die eigentlich den Regierungen der Staaten
des Südens zukämen, die diese aber in vielen Fällen wegen ihrer Desintegration
nicht wahrnehmen können. Die NGOs erfüllen damit wichtige Funktionen,
es besteht jedoch, wie Ludermann illustriert, die Gefahr, daß
die NGOs ihre Flexibilität und ihre Unabhängigkeit von den Regierungen
verlieren. Andererseits ist ihre wachsende Rolle eine Konsequenz des
Rückzugs der Staaten des Nordens aus der Entwicklungshilfe. Bei diesem
Beitrag bedauert man, daß der Autor nicht mehr Platz zur Verfügung
hatte, um die Funktion der NGOs an Fallbeispielen genauer zu untersuchen,
so dass sich der Leser ein besseres Bild über die Vor- und Nachteile
dieser rasanten Entwicklung hätte machen können.
Nicht nur in der Entwicklungshilfe sind private Akteure
auf dem Vormarsch, auch im Bereich der „Sicherheit“, ebenfalls eigentlich
eine Domäne der Staaten und ihrer Regierungen, nimmt die Bedeutung
privater Unternehmen zu, wie Peter
Lock in seinem Beitrag verdeutlicht. Sowohl in den Industriegesellschaften
des Nordens – dort ausgelöst durch Prozesse der Marginalisierung von
ärmeren Bevölkerungsschichten, z.B. in den USA – als auch in den Regionen
des Südens – dort durch die Prozesse tiefgehender sozialer Fragmentierung
und von Staatszerfall – entstehen Märkte für private Sicherheit und
militärische Dienstleistungen. Locks Beitrag unterstreicht, wie wichtig
die globale Bekämpfung der Kriminalität und die Kontrolle des Handels
mit Kleinwaffen sind, beides Anliegen der UNO, bei denen sie bisher
aber kaum Fortschritte erzielen konnte.
Relativ positiv fällt die Bilanz der Bewertung der
„Privatisierungstendenzen im Menschenrechtsschutz“ aus: Zur effektiven
Umsetzung der von den Vereinten Nationen und regionalen Staatengemeinschaften
geschaffenen Menschenrechtskonventionen waren die Menschenrechtsschutzinstitutionen
in allen Phasen ihrer Arbeit schon immer auf die „Mitarbeit von NGOs“
angewiesen, wie Andrea Liese
darstellt. Probleme ergeben sich höchstens dort, wo NGOs stark von
Großspenden oder staatlichen Zuwendungen abhängig sind. Auch die „Einbeziehung
transnationaler Konzerne in den Menschenrechtsschutz durch freiwillige
Verhaltenskodizes“ verbessert oft – dies illustriert der Beitrag von
Rainer Braun – die Menschenrechtssituation in den betreffenden Produktionsstätten,
weil die Firmen – selektiv – in ihren ausländischen Fabriken eine
Reihe von Menschenrechtsnormen einhalten, zu deren Kontrolle die dortigen
Staaten trotz bestehender völkerrechtlicher Verpflichtungen häufig
nicht in der Lage sind. Die Verhaltenskodizes sind allerdings nur
effektiv, wenn eine Überwachung vor Ort durch heimische und internationale
NGOs erfolgt. Für die Staaten sollten die Verhaltenskodizes jedoch
kein Anlaß sein, im Menschenrechtsschutz mit den Anstrengungen nachzulassen.
Jürgen Maier
plädiert in seinem Beitrag zum Einfluß privater Akteure im „internationalen
Umweltschutz“ erstaunlicherweise für marktwirtschaftliche Lösungen
unter Einbeziehung privater Akteure, sofern damit Markttransparenz
und der Abbau marktverzerrender staatlicher Regulierungen und Subventionen
erreicht werden soll. Marktlösungen schwächen nämlich „automatisch
die Betätigungsmöglichkeiten von Wirtschaftsministerien und die damit
verbundene korporatistische Lobbymacht von Industriebranchen, deren
Marktmacht gleichzeitig abnimmt.“ (S. 288). Die bisherige Umweltpolitik
hat nach Maiers Überzeugung
deutlich gemacht, dass die Staaten nicht in der Lage sind, Umweltregime
zu erreichen, und dass der Wettbewerb von NGOs, Wissenschaft und Wirtschaftsunternehmen
eher zu Lösungen führt, die nicht nur ökologisch, sondern auch ökonomisch
vernünftig sind. Die Staaten sollten sich darauf beschränken, wichtige
Rahmenziele zu setzen, die Ausgestaltung aber dem Markt überlassen,
dafür aber marktverzerrende Subventionen abbauen.
Florianne Koechlin
analysiert in ihrem Beitrag über die Patentierung genetischer Ressourcen
eine höchst problematische Form der Privatisierung, bei der die bisher
als gemeinsame globale Ressource der Menschheit angesehene Vielfalt
an Pflanzen und Tieren privater Monopolnutzung durch Patente zugeführt
wird, was für die Landwirtschaft, aber auch die Medizin in allen Weltregionen
unübersehbare Folgen haben kann. Inzwischen beginnen sich die Staaten
der Dritten Welt gegen die „Bio-Piraterie“ der Unternehmen des Nordens
zu wehren, unterstützt durch viele Umwelt-NGOs. Auf deren Territorien
befindet sich ein Großteil der genetischen Vielfalt an Flora und Fauna,
das durch die Patente ausgebeutet werden soll, und ihr Landwirtschaftssektor
wäre am wenigsten in der Lage, die zusätzlichen Kosten für die Bio-Patente
aufzubringen. In diesem Feld steht sich die Privatisierung in einem
eklatanten Widerspruch zu allgemeinen ethischen Standards und zu den
Grundsatztexten der Weltkonferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio
1992. Hier nützt Privatisierung nicht, sondern schadet der Weltgemeinschaft.
Insgesamt fällt die „Bilanz der Privatisierung der
Weltpolitik“, wie sie Hartwig
Hummel in seinem Grundsatzbeitrag nach dem Vorwort der Herausgeber
zieht – beide Texte führen etwas redundant in das Thema ein und stellen
die Beiträge der Autoren vor (im Vorwort) bzw. fassen sie unter bestimmten
Aspekten zusammen (im Beitrag von Hummel) –, eher gemischt aus: Angesichts
einer weltpolitischen Zusammenarbeit der Nationalstaaten im UN-System
auf Schmalspurniveau und im Schneckentempo sind NGOS sowohl bei der
Mobilisierung der Weltöffentlichkeit für ein gemeinsames Handeln der
Staatenregierungen als auch bei der Umsetzung der gemeinsamen Beschlüsse,
die im UN-System gefaßt wurden, eine wichtige Hilfe, wenn man auch
von ihnen nicht zuviel erwarten darf. Man muss in Rechnung stellen,
dass sie Partikularinteressen vertreten und vor allem im Hinblick
auf ihre geographische Verteilung kaum repräsentativ für die Weltgemeinschaft
sind. Der Nutzen privater Unternehmen in der Weltpolitik liegt zweifellos
in ihren immensen finanziellen Ressourcen und ihrer marktwirtschaftlichen
Rationalität, die sie oft in die Lage versetzt, Ressourcen z.B. in
der Entwicklungshilfe effizienter einzusetzen als instabile und korrupte
bürokratische Staatsapparate. Problematisch wird es, wenn man ihre
Mitwirkung pauschal im Sinne einer Steigerung von Transparenz, Effizienz
und Partizipation gutheißt: Schließlich vertreten auch sie nur ökonomische
Partikularinteressen, handeln ökonomisch zweckrational. Wird ihr Einfluß
zu groß, – darin ist Hummel zuzustimmen – sind diejenigen Werte,
auf denen die Zusammenarbeit in der globalen Gemeinschaft beruht –
Gemeinwohlorientierung, Solidarität, Humanität –, in der Weltpolitik
bedroht. Die Vereinten Nationen und die in ihr vertretenen Staaten
der Welt dürfen ihre Verantwortung für die Wahrung dieser grundlegenden
Werte in der Weltpolitik nicht an private Akteure delegieren. Das
Verdienst des Buches liegt darin, dass es neben den Chancen der „Privatisierung
der Weltpolitik“ gerade dieses grundlegende Risiko anschaulich macht.
Helmut
Volger
Falkensee
Wolfgang H. Reinicke / Francis Deng
With Jan Martin
Witte, Thorsten Benner, Beth Whitaker, John Gersham
Critical Choices – The United Nations, Networks, and
the Future of Global Governance
Ottawa 2000
International Development Research Centre, 141 S.
Als
die „World Commission on Dams“(WCD) am 16.11.2000 ihren Bericht
öffentlich präsentierte, erregte sie einiges Aufsehen. Die Kritik
an bislang durchgeführten Staudammprojekten und die Forderungen,
künftig die umfassende Beteiligung aller Betroffenen zu gewährleisten
und eine detaillierte soziale und ökologische Kosten-Nutzen-Analyse
durchzuführen, wurden von einer zwölfköpfigen Kommission vorgelegt,
in der neben Regierungsvertretern Umweltaktivisten und die Repräsentanten
großer Industrieunternehmen saßen; die einen hatten jahrelang Großprojekte
bekämpft, die anderen die Dämme gebaut. Auf Initiative der Weltbank
hatte die Kommission 1998 begonnen, Staudammprojekte zu evaluieren
und Empfehlungen für die künftige Planung derartiger Großprojekte
abzugeben.
Damit
ist die WCD ein Paradebeispiel für die Netzwerke, die der Band von
Reinicke und Deng als ein wichtiges Element in der künftiger Architektur
der Global Governance vorstellt. Denn Netzwerke zeichnet insbesondere
aus, dass sie sich aus Vertretern unterschiedlicher Sektoren zusammensetzen
. Im definitorischen Idealfall besteht ein trisektorales Netzwerk
aus öffentlichem Sektor, Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft,
deren Repräsentanten aus verschiedenen Kontinenten kommen.
Der
Band „Critical Choices“ ist der Bericht eines UN-Projektes über
„Global Public Policy Networks“, das im Sommer 1999 ins Leben gerufen
wurde, um die Potenziale von Netzwerken in der internationalen Politik
zu analysieren und Empfehlungen für die Rolle der UN in diesem Zusammenhang
zu geben. Im Rahmen dieses Projektes wurden zahlreiche Fallstudien
erarbeitet, die die Mechanismen solch unterschiedlicher Netzwerke
wie „Global Environmental Facility“ (GEF), „Roll Back Malaria“ oder „Transparency
International“ analysieren. Diese Fallbeispiele ziehen Reinicke
und Deng zur Analyse und Illustration der allgemeinen Aussagen heran.
Sie widmen sich jedoch vorrangig den Grundlagen der Netzwerke, ihrer
Definition, Funktion und Wirkungsweise im internationalen Kontext.
Nach einer Einführung in die veränderten Koordinaten internationaler
Politik, in denen die bekannten Defizite nationalstaatlicher Regelungen
im Zeitalter der Globalisierung kurz angerissen werden, werden mögliche
Funktionen von Netzwerken angeführt. Eine zentrale Funktion für
die Autoren ist dabei die Überwindung des „participatory gap“.
Sehr
deutlich wird darauf hingewiesen, dass Netzwerke Regierungen nicht
ersetzen sondern ergänzen sollen und können. Netzwerke sollen zumindest
zum Teil das Vakuum ausfüllen, das durch die globalen Veränderungsprozesse
entstanden ist, d.h. Netzwerke sind sowohl Ergebnis dieses Wandels
als auch eine potenzielle gestalterische Kraft. Netzwerke sind dabei
jedoch keine neue Spielart internationaler Politik, sie entstanden
in der Vergangenheit bereits vereinzelt als Reaktion auf krisenhafte
Entwicklungen oder auf die Initiative Einzelner hin. Konzeptionell
neu hingegen ist in den letzten Jahren die Debatte über die aktive
Nutzung dieses Instrumentes, d.h. die Etablierung bzw. Aktivierung
von Netzwerken im Hinblick auf eine Global-Governance-Struktur.
“What do networks do?” Die Analyse der 20 Fallbeispiele im Rahmen
des Projekts lässt vor allem auch die Bandbreite der existierenden
Netzwerke deutlich werden. Nicht feste Strukturen oder gar der Aufbau
neuer Organisationen, sondern Flexibilität, Dynamik und nicht-hierarchische
Form kennzeichnen die Netzwerke. Folgerichtig präsentieren Reinicke
und Deng Management-Regeln und keine Organisationsstrukturen für
Netzwerke. Ein Diskussionsprozess muss initiiert und in Gang gehalten
werden; dies erfordert „individual and institutional leadership“
(65) und das Knüpfen von Allianzen über Sektoren und Ländergrenzen
hinweg. Bei aller Flexibilität und Informalität brauchen Netzwerke
dennoch eine materielle Basis und eine (minimale) organisatorische
Absicherung.
An
diesem Punkt, d.h. der Frage, wer könnte Netzwerke befördern, leadership
anbieten und die materielle Basis liefern, kommt der Band zu einer
zentralen Empfehlung. Das Projekt Global
Public Policy Networks sieht in den Vereinten Nationen den
entscheidenden Akteur für künftige internationale Netzwerke. Vielleicht
etwas zu euphorisch sehen die Autoren in dieser Rolle der UN sowohl
einen Ansatz zur Stärkung von Netzwerken als auch eine partielle
Lösung der Legitimationskrise bzw. eine Antwort auf die Frage nach
den zukünftigen Aufgaben der UN. Bislang war das Engagement der
UN in Netzwerken eher zufällig, für die Zukunft wird der UN ein
„three-track approach“ (93) vorgeschlagen: existierende Netzwerke
sollen gestärkt und im Zweifel revitalisiert werden, in UN-Kernbereichen
sollen Konventionen, deren Umsetzung mangelhaft ist, durch den Aufbau
von Netzwerken vorangebracht, und neue Netzwerke sollen geschaffen
werden.
Auf
der Suche nach neuen Aufgabenfeldern und Legitimation betont die
UN selbst z.B. im „Secretary General’s Millennium Report: We,
the Peoples: The Role of the United Nations in the 21st
Century“ die Notwendigkeit einer stärkeren Beteiligung an
Netzwerken: „Formal institutional arrangements may often lack the
scope, speed and informational capacity to keep up with the rapidly
changing global agenda. Mobilizing
the skills and other resources of diverse global actors, therefore,
may increasingly involve forming loose and temporary global policy
networks that cut across national, institutional and disciplinary
lines. The United Nations is well situated to nurture such informal
„coalitions for change“ across our various areas of responsibility“.
Wie
aber diese Umorientierung der UN bewerkstelligt werden soll und
wieso gerade Netzwerke die Form des Multilateralismus sein könnten,
die die Widerstände der Nationalstaaten gegen ein UN-Engagement
überwinden könnten, darauf bleibt auch der Band Critical
Choices die Antwort schuldig. Die mehrfach wiederholte Versicherung,
dass Netzwerke und damit mögliche UN-Aktivitäten nicht die Kompetenzen
der Regierungen beschneiden, sondern lediglich ergänzen sollen,
wird als Motiv nicht ausreichen. Denn die von den Autoren als zentral
angesehene Funktion, „closing the participatory gap“ (61),
gehört nicht zu den hohen
nationalen Prioritäten. Eine kritische Nachfrage ist darüber hinaus
auch hinsichtlich des Konzepts der „Global
Public Policy Networks“ und der hohen Erwartungen an Netzwerke
angebracht. Schließt doch die Repräsentanz von Privatunternehmen
und Nichtregierungsorganisationen noch nicht wirklich die Legitimationslücke
zwischen nationaler demokratischer Repräsentanz und Multilateralismus.
Von
den Autoren selbst thematisiert wird das Problem der Inklusion.
Bislang ist die Vertretung des Südens in Netzwerken meist unzureichend.
Anders als institutionalisierte Formen internationaler Politik,
die nur durch weitreichende Reformen eine gleichberechtigte Teilhabe
des Südens gewährleisten könnten, ist die Inklusion für Netzwerke
jedoch leichter herstellbar.
Critical Choices bietet
einen fundierten Überblick über Konzeption und Praxis von Netzwerken
in der internationalen Politik. Gerade die Verbindung von konzeptionellen
Gedanken mit der Analyse der Fallbeispiele gibt interessante Hinweise
für die weitere Diskussion. Kernfragen der Debatte um Global Governance,
d.h. der Umsetzbarkeit sinnvoller multilateraler Handlungskonzepte
und der Überwindung realpolitischer Widerstände, können im Rahmen
des Projektes nicht gelöst werden. Innerhalb weitreichender Reforminitiativen
der UN ist eine aktive Rolle der UN bei Netzwerken ein interessanter
Aspekt, aber keine grundsätzliche Lösung. Der Titel „Critical
Choices“ richtet sich vordergründig an die UN, die ihre zukünftige
Rolle zu definieren haben, doch die Regierungen bleiben auch hier
die Akteure, da sie letztlich die Wahl treffen müssen. Im Sinne
der Autoren eine Wahl für gemeinsame Lösungen globaler Probleme
durch Unterstützung und Etablierung neuer Instrumente von Global
Governance.
Diskussionsforen
zentraler Probleme, Informationsaustausch und –verbreitung sowie
Lernprozesse über Sektoren hinaus sind wichtige mögliche Funktionen
von Netzwerken in der internationalen Politik. Doch auch Netzwerke
müssen sich an ihrer Implementationsfähigkeit messen lassen. So
bleibt abzuwarten, inwiefern Weltbank und nationale Regierungen
die Empfehlungen der „World Commission on Dams“ aufgreifen
und umsetzen werden.
Heike Henn
Königswinter
Heike
Walk / Achim Brunnengräber
Die
Globalisierungswächter
NGOs
und ihre transnationalen Netze im Konfliktfeld Klima
Münster
2000
Westfälisches
Dampfboot, 336 S.
Die
Ankündigung des neuen US-Präsidenten Bush, die Verpflichtungen
des Klimaabkommen von Kyoto nicht einhalten zu wollen, hat seit
dem 13. März 2001 einigen Wirbel ausgelöst. Die internationale
Klimapolitik und besonders die Rolle der USA stehen damit erneut
im öffentlichen Blickpunkt. Die bisherigen zögerlichen Bemühungen
zum internationalen Klimaschutz sind stark gefährdet.
Parallel
dazu gibt es von wissenschaftlicher Seite alarmierende Meldungen.
Das IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) arbeitet
an seinem dritten Klimabericht und weist darauf hin, dass die Erwärmung der Erdatmosphäre
noch stärker verläuft
als bisher angenommen.
Der
vorliegende Band von Walk und Brunnengräber richtet in diesem
Problemfeld den Blick auf einen interessanten Ausschnitt und zwar
die Arbeit von NGOs und ihre
transnationalen Netzwerke. Nicht-staatliche Akteure gelten nicht
nur in der Klimapolitik seit einiger Zeit als neue „Hoffnungsträger“
der internationalen Politik. Sie werden in der Öffentlichkeit
als Vertreter der Zivilgesellschaft propagiert, die Menschheitsinteressen
gegenüber Regierungen wahrnehmen. Gleichzeitig spielen NGOs in
der wissenschaftlichen Diskussion über Global Governance und Zivilgesellschaft
eine wichtige Rolle.
Walk
und Brunnengräber stellen in ihrer Untersuchung die berechtigte
Frage, inwieweit dieser Ruf, die Hoffnungen und Vorurteile gegenüber
NGOs und ihren Netzwerken, gerechtfertigt sind. Hauptgegenstand
der Analyse sind dabei die vier Konferenzen der Vertragsstaaten
der Klimarahmenkonvention zwischen 1995 und 1998, von Berlin bis
Buenos Aires. Neben der Erörterung der konkreten Klimapolitik
und des Einflusses der NGOs zielt die Studie auch explizit
darauf, die empirischen Ergebnisse für die Verortung der NGOs
in der theoretischen Diskussion zu nutzen.
Zu
Beginn des Bandes werden die wesentlichen Determinanten des Problemfeldes
dargestellt. Einführend stellen die Autoren klar, dass es für
sie keinen Zweifel an der Existenz eines von Menschen verursachten
Treibhauseffektes gibt. Die neuesten Untersuchungen der 900 WissenschaftlerInnen
des IPCC bestätigen diese Prämisse. Doch auch ein weitgehender
politischer und wissenschaftlicher Konsens über ein globales Problem
und seine Ursachen führt nicht zwangsläufig
zu kooperativem, lösungsorientierten Verhalten der Nationalstaaten.
Welche Determinanten Ansätze von „Global Governance“ gegen den Treibhauseffekt verhindern oder
ermöglichen, kann in diesem Band nur gestreift werden. Bei der
Darstellung der relevanten Akteure und ihrer Interessen werden
aber zahlreiche Konfliktlinien deutlich, die auch in der aktuellen
Debatte um den klimapolitischen Rückzug der USA relevant sind.
Für
NGOs
eröffnet das Politikfeld Klima einige Möglichkeiten:
·
Veränderungen
können nur gemeinsam, global erzielt werden, Kompromisse sind
daher notwendig.
·
Die Institutionalisierung
mit jährlichen Klimakonferenzen ermöglicht Aktivitäten, in den
Diskurs der Verhandlungen können sich NGOs einbringen bzw. versuchen,
ihn zu beeinflussen.
·
Inhaltliche
Unklarheiten bzw. Dissens bringt Spielraum für Expertise von NGOs.
Walk
und Brunnengräber zeigen aber auch die Grenzen für NGOs auf, denn
gerade die Regularien der Konferenzen stellen immer wieder Hürden
für eine effektive Beteiligung dar. Verbesserungen des Status
und der Beteiligungsmöglichkeiten von NGOs wurden erzielt, doch
viele Entscheidungen werden informell getroffen und sind daher
kein Terrain für eine verregelte Einbeziehung von NGOs. Internationale
Umweltpolitik, einschließlich Klimapolitik, ist jedoch ähnlich wie
die Sozialpolitik ein Feld, das NGOs gegenüber in letzter Zeit geöffnet
wurde. In anderen, zentralen
Bereichen globaler Politik, Wirtschaft und Sicherheit, bleiben
sie eher unerwünschte Beobachter.
Die
erweiterten Spielräume für NGOs auf globaler Ebene haben auch
ihre Arbeitsweise verändert. Die Vernetzung ist eine wesentlicher
Aspekt bei dem Versuch von NGOs, an Durchsetzungskraft zu gewinnen.
Walk und Brunnengräber attestieren dem internationalen Klimanetzwerk
CAN (Climate Action Network), diese Stärkung erreicht zu
haben. Der erhöhten öffentliche Akzeptanz und Präsenz des Netzwerkes
steht jedoch die Schwierigkeit der Positionsfindung innerhalb
der NGOs gegenüber. „Die
Stärke transnationaler NGO-Netzwerke ist also nicht die gemeinsame
und klare Positionierung im klimapolitischen Umfeld“ (S. 154).
Da aber die NGO-Verhandlungsposition generell schwach ist, braucht
man den Konsens, um mehr
Glaubwürdigkeit und Resonanz zu erreichen.
Zusätzliches
Konfliktpotenzial für international handelnde NGOs zeigen
die Autoren auf: NGOs werden in der Öffentlichkeit als Mahner
wahrgenommen und müssen dieser Rolle gerecht werden, für eine
Beteiligung am Verhandlungspoker müssen sie von den Regierungen
jedoch als konstruktive Partner angesehen werden.
Interessant
ist auch die Innenwelt des Netzwerkes CAN, die deutlich macht,
warum Walk und Brunnengräber von transnationalen und nicht globalen
Netzwerken sprechen: Die Strukturen und Aktivitäten von CAN machen
deutlich, dass auch ein NGO-Netzwerk globale Disparitäten widerspiegelt.
NGOs aus dem Süden, Mittel- und Osteuropa sind in der Minderheit
und verfügen über weniger Ressourcen. Innerhalb der NGOs aus Industriestaaten
dominieren die Vertreter der USA. Gleichzeitig sind auch NGOs
Interessenkonflikten ausgesetzt, um die materielle Basis, institutionelles
oder persönliches Ansehen zu erhalten.
Diese
Ergebnisse sind für Walk und Brunnengräber ein weiterer Grund,
die Legitimität von NGOs und ihrer Netzwerke kritisch zu hinterfragen.
NGOs seien
zwar eine „Quasi-Opposition“ (S. 271) innerhalb des internationalen
Systems, ihre demokratische Legitimierung jedoch auch aufgrund
der Elitebildung innerhalb von NGOs fragwürdig.
Die
Frage nach den tatsächlichen Einflussmöglichkeiten der untersuchten
NGOs und ihrer Netzwerke wird letztendlich nicht beantwortet.
Ein Grund hierfür ist die Vielzahl der Erfolgskriterien, die allein
die unterschiedlichen Akteure benennen. Unstrittig bleibt die
hohe Öffentlichkeitswirkung, die NGOs in der internationalen Klimapolitik
erzielt haben.
Vor
dem Hintergrund dieser Ergebnisse suchen Walk und Brunnengräber
nach einer Verortung der NGOs in der politikwissenschaftlichen
Diskussion und ziehen hierzu die Bewegungsforschung, das Konzept
der Zivilgesellschaft und die Netzwerkanalyse heran. Im Vergleich
ist die Übereinstimmung zwischen Fallbeispiel und Theorie mit
dem Konzept der Zivilgesellschaft am größten. NGOs wurden als
„Teil der internationalen Zivilgesellschaft identifiziert“ (S.
277). Dieses Ergebnis ist nicht wirklich überraschend, doch gebührt
dieser als Dissertation vorgelegten Analyse der Verdienst, zwei
wichtige Themenstränge zusammengebracht zu haben: Klimapolitik
und die Perzeption von NGOs in der Politikwissenschaft.
An
der bislang unzureichenden Reaktion der Nationalstaaten auf den
Treibhauseffekt konnten NGOs bislang wenig ändern. Nach der pessimistischen
Einschätzung der Autoren werden nicht die Zivilgesellschaft,
sondern nur neue Katastrophen den Weg zu einer lösungsorientierten
Klimapolitik weisen.
Heike Henn
Königswinter
Joachim Krause (Hg.):
Kosovo: Humanitäre Intervention und kooperative
Sicherheit in Europa
Opladen 2000
Leske+Budrich, 227 S.
Etwas mehr als zwei Jahre liegt der NATO-Einsatz
über dem Kosovo und Serbien nun zurück. Seitdem ist viel zu dem
Thema publiziert worden. Trotzdem ist die Quellenlage (immer noch)
schlecht. Viele Veröffentlichungen sind Augenzeugenberichte Betroffener
oder journalistische Arbeiten. Beispiele sind „Kosovo - Ursachen
und Folgen eines Krieges in Europa“ von Matthias Rüb oder „The
Road to Kosovo“ von Greg Campbell. Einige Veröffentlichungen sind
mit sehr heißer Nadel gestrickt und vermitteln - wie Matthias
Küntzels „Der Weg in den Krieg“ oder Mansur Khans „Das Kosovo-Komplott“
- den Eindruck, die Autoren bögen sich den Kosovo-Konflikt zur
Bestätigung ihres Weltbildes zurecht. Nur wenige Autoren haben
bisher das Privileg eines tieferen Einblicks in die Entscheidungsprozesse
hinter dem NATO-Einsatz genossen und entsprechend substanzreiche
Arbeiten vorgelegt. Heinz Loquais „Der Kosovo-Konflikt. Wege in
einen vermeidbaren Krieg“ oder Ivo Daalders und Michael O’Hanlons
„Winning Ugly: NATO’s War to Save Kosovo“ sind hier an erster
Stelle zu nennen.
Das schwer greifbare Thema und die beklagenswerte
Quellensituation sind auch verantwortlich dafür, dass viele Veröffentlichungen
Sammlungen kürzerer Aufsätze sind. Erwähnenswert unter diesen
„Herausgeber“-Bänden sind Erich Reiters „Der Krieg um das Kosovo“
oder das von Ulrich Albrecht und Paul Schäfer herausgegebene Buch
„Der Kosovo-Krieg. Fakten, Hintergründe, Alternativen“. In diese
Reihe gehört auch der hier zu besprechende Sammelband. Er enthält
acht anregende Aufsätze vorwiegend jüngerer Wissenschaftler und
Ministerialvertreter und schlägt mit den drei Abteilungen „Bewertung
des Kosovo-Konfliktes“, „Lehren und Schlussfolgerungen“ sowie
„Perspektiven“ einen sinnvollen Bogen. Auf die Beschreibung der
schwierigen Geschichte des Kosovo, die vor allem in englischsprachigen
Publikationen einen übergroßen Raum einnimmt, wird hier erfreulicherweise
verzichtet.
In ihrer Bewertung bewegen sich die Beiträge
zwischen „Auftrag erfolgreich abgeschlossen“ und „mit Glück davongekommen“.
Wegen ihres kritischen Gehaltes sind vor allem vier Aufsätze erwähnenswert:
Mit seiner Bilanz des Luftkrieges bedient Bernhard Pfoh all diejenigen
mit Argumenten, die die offensichtliche militärtechnische Rückständigkeit
der Europäer gegenüber den USA beklagen und ändern wollen. Natürlich
ist zu fragen, warum sich die Europäer in einen Rüstungswettlauf
unter Freunden – denn darauf liefe eine solche Entwicklung
hinaus - begeben sollten, aber eine solche Frage stellt sich für
Bernhard Pfoh als Mitarbeiter der Daimlerchrysler Aerospace nicht.
Interessanterweise versteigt er sich auch zu
der Behauptung, dass das Engagement der NATO bei der „Durchsetzung
der politischen und humanitären Ziele“ erfolgreich gewesen sei,
und widerspricht damit explizit Andrew Denison und dessen Analyse
der amerikanischen Kosovopolitik: Denison kommt zu dem - zutreffenden
- Ergebnis, dass der Luftkrieg sein oberstes Ziel – die Vertreibung
der Kosovo-Albaner zu verhindern – nicht erreicht habe und daher
nicht als Erfolg bewertet werden könne. Den für die NATO-Staaten
schließlich glimpflichen Ausgang des Krieges führt Denison wesentlich
auf den Faktor „Glück“ zurück. Gleichzeitig bescheinigt er den
Europäern, ungeachtet ihrer militärtechnologischen Rückständigkeit
immerhin eine „engagierte politische“ Rolle und stellt damit implizit fest:
Man kann Konflikte militärisch behandeln, aber gelöst werden sie
– wenn überhaupt – politisch.
Relativ selten findet man in der westlichen Literatur
eine Betrachtung aus der Sicht des „Außenseiters“ Russland, wie
sie Ekaterina Stepanova vornimmt. Sie erteilt der Theorie von
den "postimperialistischen Ambitionen“ Russlands eine Absage,
und auch die These, dass es angesichts einer angeblichen historischen
Nähe von Moskau und Belgrad zu einer Verbrüderung unter Slawen
gekommen sei, lehnt sie ab. Sie erklärt die Politik Moskaus vielmehr
damit, dass Russland seine Sicherheit durch die Ausweitung des
NATO-Raumes im Frühjahr 1999 bedroht sah und dass man eine Parallele
zwischen dem Kosovo und Tschetschenien gezogen habe. Insgesamt,
so warnt Stepanova, habe die russische Führung aus dem Kosovokonflikt
geschlossen, dass jede bewaffnete Gruppe von Terroristen und Separatisten
Unterstützung durch eine Macht von außen erhalten könne, wenn
sie nur den Eindruck von Legitimität zu vermitteln in der Lage
sei. Die Konsequenz daraus, so Stepanovas Warnung, sei für Russland,
bei nächster Gelegenheit selbst mit militärischer Gewalt und einer
Politik der vollendeten Tatsachen gegen Separatisten vorzugehen.
Die besondere Rolle Deutschlands hebt Joachim
Krause in seinem Beitrag hervor. Der deutschen Regierung, die
im ersten Halbjahr 1999 die EU-Ratspräsidentschaft und den G-8-Vorsitz
zugleich innehatte, bescheinigt Krause, im Juni 1999 ihr Diplomatie-Meisterstück
abgelegt zu haben. Ihr sei es zu verdanken gewesen, dass die Europäer
in dem Konflikt zu ernsthaften Partnern der USA wurden. Krause
bemängelt zugleich, dass die NATO-Staaten in den Krieg geraten
seien, nachdem sie voreilig mit militärischen Einsätzen gedroht
und sich so leichtfertig unter Zugzwang gesetzt hätten. Die Verhandlungen
von Rambouillet seien hastig und ohne Umsicht geführt worden,
am Ende habe ein „von den USA, Frankreich und Großbritannien formulierter
Diktat-Frieden“ gestanden. Erstaunliche Einfallslosigkeit attestiert
Krause den Regierungen in Washington, London und Paris, denen
auf die unerwartete Unnachgiebigkeit der Serben im April 1999
nichts anderes als eine Ausweitung der Angriffe eingefallen sei.
Deutschlands Initiative sei gerade in dem Moment unternommen worden,
als der Krieg innenpolitisch an den Rand der Führbarkeit geraten
sei. Krause bescheinigt der deutschen Regierung, dass sie im Angesicht
des drohenden militärischen Debakels nicht nur erfolgreich die
politische Flucht nach vorn angetreten sei, sondern dabei auch
Entscheidendes für die Vertiefung der europäischen Strukturen
erreicht habe.
In Joachim Krauses Betrachtung finden sich –
in einer Fußnote - die einzigen Zweifel an der offiziellen Darstellung
des vielbeschworenen Hufeisenplanes. Ein weiteres Abweichen von
der amtlichen Geschichtsschreibung findet sich an keiner anderen
Stelle; auch das „Massaker von Racak“-Argument wird in dem gesamten
Buch mehrfach unhinterfragt zur Begründung des Militäreinsatzes
herangezogen. Dies ist bedauerlich, denn auch jenseits der „Es-begann-mit-einer-Lüge“-Debatte
gab es bereits früh den amtlichen Verlautbarungen widersprechende
Darstellungen, die man zumindest hätte erwähnen müssen.
An dieser Auslassung zeigt sich, dass das Buch
am Ende - trotz einiger kritischer Beiträge - einen affirmativen
Auftrag hat und das dahinterstehende Interesse ein „technisches“
ist. Entsprechend ziehen sich auch sprachliche Probleme und semantische
Schwierigkeiten durch die Texte: So wird häufig von „Konfliktlösung“
gesprochen, wo es eigentlich „Erfüllung eines Militärauftrages“
heißen müsste. Es ist von „Frieden“ (in den verschiedensten Wortkombinationen)
die Rede, wenn in der Realität allenfalls die „Abwesenheit von
Krieg“, also von organisierter Gewalt, festzustellen ist. Und
schließlich ist bereits im Untertitel von der „humanitären Intervention“
die Rede - diese Wortbildung aber ist (in der Analogie zu „wirtschaftlichen“
oder „militärischen“ Interventionen) sprachlich schlicht nicht
möglich, auch wenn sie sich – aufgrund der gedankenlosen Übertragung
des englischen „humanitarian intervention“ - im allgemeinen Gebrauch
verankert zu haben scheint. Was gemeint ist, sind „Interventionen
aus humanitären Gründen“ (o. ä.). Man sollte sich hier um sprachliche
Korrektheit bemühen.
Reflexionen solcher Art spiegeln sich in dem
Buch nicht wider. So kratzt die Kritik an der Oberfläche, ein
Durchspielen von Alternativen und Grundsatzfragen - ob es beispielsweise
zwingend notwendig war, auf die gravierenden Menschenrechtsverletzungen
mit Luftangriffen auf Serbien zu antworten - werden nicht behandelt.
Wer dazu Material sucht, dem ist mit Joachim Krauses Buch wenig
gedient. Aber es ist hilfreich als eine der gehaltvolleren Veröffentlichungen
zum Kosovo-Krieg.
Stephan
Böckenförde
Berlin
Christiane Lammers / Lutz Schrader (Hg.):
Neue
deutsche Außen- und Sicherheitspolitik?
Baden-Baden 2001
Nomos, 311 S.
Große Pendelausschläge in der Außen- und Sicherheitspolitik
westlicher Demokratien sind aufgrund der ökonomischen Globalisierung
und der Interdependenz in den internationalen Organisationen
eher unwahrscheinlich. Hinzu kommt, dass die außenpolitischen
Grundorientierungen der großen Volksparteien und der maßgeblichen
gesellschaftlichen Akteure ohnehin keine großen Unterschiede
aufweisen. Dennoch knüpften zahlreiche Beobachter der politischen
Szenerie an den Regierungswechsel in Deutschland im Herbst 1998
die Erwartung, die neue rot-grüne Bundesregierung werde auch
der Außen- und Sicherheitspolitik ihren eigenen reformorientierten
Stempel aufdrücken. Angesichts der programmatischen Aussagen
von SPD und Grünen vor der Bundestagswahl standen dabei Initiativen
zur Beschleunigung des europäischen Integrationsprozesses, zur
Reform der UNO und generell zur Zivilisierung der Krisen- und
Konfliktbearbeitung im Vordergrund.
Der von Christiane Lammers und Lutz Schrader
in der Schriftenreihe der „Arbeitsgemeinschaft für Friedens-
und Konfliktforschung“ (AFK) herausgegebene Sammelband erhebt
den Anspruch, zwei Jahre nach dem rot-grünen Regierungswechsel
eine friedenswissenschaftliche Bilanz vorzulegen. Die meisten
Beiträge gehen indes auf Vorträge beim AFK-Jahreskolloquium
im Februar 1999 zurück. Hier liegt ein zentraler Haken der
wissenschaftlichen Seriosität dieser Veröffentlichung. Man mag
ohnehin Zweifel daran hegen, ob eine kritische Zwischenbilanz
der rot-grünen Außen- und Sicherheitspolitik bereits zur Halbzeit
der Legislaturperiode zu tragfähigen, gerechten Bewertungen
führen kann. Das Fragezeichen hinter dem Sinn eines derartigen
Unterfangens wird aber um so dicker, wenn man bei der Lektüre
der allermeisten Aufsätze leider feststellen muss, dass auch
ihre überarbeiteten Fassungen bereits in der Mitte des Jahres
1999 abgeschlossen worden waren. Die Analyse des tatsächlichen
Regierungshandelns in der Außen- und Sicherheitspolitik kommt
so zwangsläufig viel zu kurz und kann nur die ersten Schritte
und Maßnahmen erfassen.
Das Buch liefert demnach keine Halbzeitbilanz,
die diesen Namen wirklich verdient, sondern über weite Strecken
lediglich eine Durchleuchtung des Koalitionsvertrags zwischen
SPD und Grünen und der Regierungserklärung von Bundeskanzler
Schröder entlang der von den Autoren gesehenen friedenspolitischen
Notwendigkeiten und der Wahlprogramme der beiden Regierungsparteien.
Es ist mithin ein publizistisches Ärgernis, dass die Aufsätze
weithin aus dem Jahre 1999 stammen, das Vorwort der beiden Herausgeber
vom Frühsommer 2000 datiert, der Band aber erst im Frühjahr
2001 in die Buchläden kam und das ganze Projekt dem Leser dann
allen Ernstes als Bilanz „zwei Jahre“ nach dem rot-grünen
Regierungswechsel verkauft wird.
Der Sammelband gliedert sich in sechs Kapitel.
Der erste Abschnitt richtet unter der Überschrift “Enttäuschte
Erwartungen und folgenschwere Versäumnisse” Anfragen
aus der Friedensforschung und Friedensbewegung an die rot-grüne
Bundesregierung. Ulrich Albrecht hebt hervor, dass das
Koalitionsabkommen von SPD und Grünen das einer Regierung sei,
“die sich nach Innen wendet”. Positiv aufgenommen wird, dass
die neue Bundesregierung ihre Ankündigung, die Friedens- und
Konfliktforschung wieder direkt mit öffentlichen Geldern zu
fördern, mit der Gründung einer „Deutschen Stiftung Friedensforschung“
rasch in die Tat umgesetzt hat. Das Kapitel wird ergänzt
durch Auszüge aus dem vom Bundesausschuss Friedensratschlag
herausgegebenen „Friedensmemorandum 2000“. Die neue NATO-Strategie
und die Umstrukturierung der Bundeswehr werden dort äußerst
kritisch unter die Lupe genommen. Das Urteil der Autoren fällt
vernichtend aus: In fast allen Bereichen der Außen- und Sicherheitspolitik
fielen Anspruch und Wirklichkeit des rot-grünen Regierungshandelns
weit auseinander oder es überwiege eine bis zur Beteiligung
an einem “Angriffskrieg” gegen Jugoslawien getriebene
Kontinuität.
Das zweite Kapitel stellt neue theoretische
Konzepte zur Analyse internationaler Politik vor. Gunther
Hellmann bemüht Einsichten des Sprachphilosophen Ludwig
Wittgenstein, um in der Außenpolitikforschung für eine stärkere
Ausrichtung auf die "Beschreibung außenpolitischer Diskurse"
zu plädieren. Hellmann sieht die Gefahr, dass die bisherige
Bonner Befangenheit zunehmend durch ein Berliner Selbstbewusstsein
abgelöst wird. Der Autor fordert die Regierung Schröder/Fischer
auf, sich der Resozialisierung im Sinne einer machtpolitisch
geprägten normalen Nationalstaatlichkeit zu verweigern und statt
dessen eine visionäre Politik supranationaler Demokratisierung
im Sinne eines europäischen Verfassungspatriotismus zu verfolgen.
Im zweiten Kapitel findet man auch die Studie von Katharina
Burges zum Thema „Die neuen Feindbilder: Eine Kritik rational
inspirierter Weltsichten zur Erklärung des postmodernen Zeitalters”.
Die junge Studentin wurde für ihre Seminararbeit im Jahr 1999
mit dem Christiane-Rajewski-Preis der AFK für herausragende
Leistungen des wissenschaftlichen Nachwuchses ausgezeichnet.
Den Stand der Forschung über internationale Beziehungen
aus der Gender-Perspektive präsentiert Christiane Lemke.
Die Autorin misst einem geschlechtersensiblen Blickwinkel auf
drei Ebenen Bedeutung zu: erstens bei der Kritik zentraler Theorien
und Begriffe der internationalen Beziehungen, zweitens bei der
Analyse von Problemfeldern in der internationalen Politik und
drittens bei der Entwicklung von Handlungsalternativen für Frauen
in der internationalen Menschenrechtspolitik. Lemke zählt sich
selbst gerade im letzten Punkt zu den Verfechterinnen eines
feministisch-liberalen Ansatzes. Das Verständnis für kulturelle
Differenzen zwischen Ländern und sozialen Gruppen dürfe – etwa
im Falle der genitalen Verstümmelung durch Klitorisbeschneidungen
– nicht dazu herhalten, die Verletzung grundlegender ziviler
Rechte von Frauen zu rechtfertigen. Lemke hält deshalb am Universalismus
von Menschenrechten als Richtschnur internationaler Politik
fest.
Der Beitrag von Thomas Jäger beschäftigt
sich mit Interessen und Handlungsoptionen Deutschlands in der
Weltwirtschaft. Sein Ansatz überzeugt vor allem dadurch, dass
er nicht nur voluntaristisch Forderungen zur Neugestaltung der
Weltwirtschaftsordnung aufstellt, sondern internationale Rahmenbedingungen
aufspürt, welche die autonomen Handlungsspielräume auch einer
rot-grünen Bundesregierung objektiv beschränken. Als ihr zentrales
außenpolitisches Motiv im Zeitalter der Globalisierung benennt
Jäger den Ausgleich der militärischen wie ökonomischen Machtasymmetrie
zu den USA durch Forcierung eines kooperativen Wettbewerbs im
europäischen Rahmen.
Das dritte Kapitel zeigt neue Tendenzen deutscher
Politik in EU, OSZE, UNO und NATO auf. Paul Schäfer macht
sich Gedanken über die Entwicklung einer europäischen Sicherheits-
und Verteidigungsidentität. Der Kosovo-Krieg hat sich in seinen
Augen als Katalysator für den Aufbau eines eigenständigeren
europäischen Machtzentrums erwiesen. Der Zielsetzung, Europa
als Gegengewicht zu den übermächtigen USA ins weltpolitische
Spiel zu bringen, kann Schäfer durchaus Reiz abgewinnen. Doch
die EU dürfe, so seine Klage, nicht weiter den Weg der Militarisierung
beschreiten, um den USA Paroli zu bieten. Vielmehr müsse sich
das vereinigte Europa der “gängigen Logik internationalen Machtpolitik”
widersetzen und “andere Paradigmen” wie die Stärkung
des Rechts und die Konzentration auf zivile Konfliktbearbeitung
durchsetzen. Hartwig Hummel prüft in seinem Aufsatz
anhand der deutschen UNO-Politik, inwieweit das Konzept der
„Global Governance“ die außenpolitische Strategiebildung in
Deutschland beeinflusst hat und ob die rot-grüne Bundesregierung
dessen Anforderungen im Gegensatz zur Kohl-Regierung besser
Genüge leistet. Nach einer Textinterpretation des rot-grünen
Koalitionsvertrags kann sich Hummel nicht so richtig entscheiden,
ob er nun Fortschritte in Richtung Global Governance feststellen
will oder nicht. Einerseits würdigt der Friedensforscher “viele
positive Ansätze”, andererseits vermisst er eine “Vorreiterrolle
Deutschlands und Europas zur Durchsetzung dieses Konzepts”.
Ein umfangreicher Auszug aus einem Papier des Instituts
für Friedensforschung und Sicherheitspolitik zum außenpolitischen
Teil der Koalitionsvereinbarung zwischen SPD und Grünen rundet
das dritte Kapitel ab. Die Hamburger Wissenschaftler formulieren
zahlreiche praktische Empfehlungen, von der Weiterentwicklung
der gemeinsamen europäischen Außen- und Sicherheitspolitik (GASP)
über die Aufwertung der OSZE als Instrument der Krisenprävention
bis hin zu einer weitreichenden Reform der UNO, mit denen sich
der hohe Anspruch der Bundesregierung, dass deutsche Außenpolitik
Friedenspolitik sei, auch verwirklichen lasse.
Im vierten Teil kommt die Militärpolitik im engeren
Sinne zur Sprache. Michael Berndt vertritt die These
von der Militarisierung der bundesdeutschen Außenpolitik, allerdings
nicht als Rückkehr zu einem “neu-alten deutschen militärischen
Interventionismus”. Berndt begreift Militarisierung vielmehr
einerseits als Erweiterung des Sicherheitsbegriffs, der nahezu
alle äußeren Gefährdungen mit militärischen Mitteln der Sicherheitsvorsorge
in Verbindung bringt, und andererseits als gezielte außenpolitische
Strategie, sich durch das Einbringen militärischer Fähigkeiten
bei den Partnern der zwischenstaatlichen Kooperation Einflussmöglichkeiten
zu sichern. Detlef Bald skizziert die von Vorgaben der
USA beherrschte Entwicklung der NATO-Militärstrategie nach dem
Ende des Ost-West-Konflikts und den Wandel in Auftrag und Struktur
der Bundeswehr von der Landesverteidigung hin zur Interventionsfähigkeit.
Bald ist davon überzeugt, dass die aus den frühen neunziger
Jahren stammenden transatlantischen Abmachungen der deutschen
Außen- und Sicherheitspolitik einen “langfristig strukturierenden
Charakter” verleihen. So erst erhalte das Bekenntnis auch der
rot-grünen Bundesregierung zur Kontinuität seinen besonderen
Rang. Dass sich Deutschland einer alternativen Friedenspolitik
zuliebe in einen schweren Konflikt mit den USA begeben könnte,
hält Bald aus einer zeithistorischen Perspektive für ausgeschlossen.
Auch Schröder werde wie schon Kohl eine erhöhte Machtteilhabe
im Bündnis bevorzugen. Im letzten Beitrag des vierten Kapitels
erörtert Berthold Meyer das Problem der Wehrpflicht unter
der veränderten Aufgabenstellung für die Bundeswehr. Die Beibehaltung
einer allgemeinen Wehrpflicht hält Meyer sowohl aufgrund des
Rekrutierungsbedarfs und der veränderten Gefahrenlage als auch
aufgrund der demokratischen Einbindung der Bundeswehr und der
Wehrgerechtigkeit friedensethisch nicht mehr für tragfähig.
Meyer spricht sich für die Einführung eines freiwilligen Dienstjahres
für alle aus, das die Umstellung der Armee auf eine Freiwilligenstruktur
erlaubte und in den sozialen Diensten die Aufgaben des Zivildienstes
übernähme.
Das fünfte Kapitel ist ein Beitrag von Martina
Fischer zu den Leistungen und Defiziten beim Aufbau einer
Infrastruktur ziviler Konfliktbearbeitung. Die Autorin übt scharfe
Kritik an der deutschen Beteiligung am Kosovo-Krieg. Diese habe
das internationale Recht missachtet und den Frieden verfehlt.
Fischer erkennt im Stabilitätspakt für Südosteuropa durchaus
auf die Krisenursachen gerichtete, präventive Impulse. Sie bemängelt
indessen, dass die Förderung ziviler Instrumente auch in der
Politik der neuen Bundesregierung im Vergleich zum zielstrebigen
Ausbau militärischer Kriseninterventionskräfte eine untergeordnete
Rolle spielt.
Das sechste Kapitel dokumentiert Positionen innerhalb
der SPD und der Grünen wie der PDS, die der Außen- und Sicherheitspolitik
der rot-grünen Bundesregierung kritisch gegenüberstehen. Der
Anhang hält schließlich die Festrede von Hanne-Margret Birckenbach
zum 65. Geburtstag des Kriegsursachenforschers und ehemaligen
AFK-Vorsitzenden Klaus-Jürgen Gantzel fest.
Welcher Gesamteindruck bleibt nach der Lektüre
der nicht immer einfach und verständlich geschriebenen Aufsätze?
Zweifellos legen die Autoren zu Recht den Finger auf einige
wunde Punkte der Außen- und Sicherheitspolitik der neuen Bundesregierung.
Aber anstatt die Ursachen des Auseinanderklaffens von Anspruch
und Wirklichkeit aufzudecken, wird moralisierend gejammert.
An manchen Stellen ist auch der Eindruck nicht von der Hand
zu weisen, dass die Außen- und Sicherheitspolitik von Rot-Grün
nur deshalb in Bausch und Bogen verdammt wird, damit man sich
selbst als kritische Friedensforschung legitimieren kann. Vor
allem die beiden Herausgeber schießen mit ihrem Vorwort weit
über das Ziel hinaus. “Wo man hinschaut - Fehlanzeige!” - so
bringen Lammers und Schrader die Kritik der Autoren auf den
Punkt, obschon deren Beiträge diese harsche Zuspitzung gar nicht
hergeben.
Es verwundert weiter, welches naive Verständnis
von Macht sich durch den Band zieht. So wird einerseits einer
auf militärischer Macht gegründeten Außenpolitik eine entschiedene
Absage erteilt, andererseits aber den Europäern mit Nachdruck
schmackhaft gemacht, die Dominanz der USA in den internationalen
Beziehungen endlich abzuschütteln. Dass politische Akteure auf
der internationalen Bühne für den Paradigmenwechsel hin zur
zivilen Konfliktbearbeitung auch Macht aufbieten müssen, kommt
den Autoren nicht in den Sinn. Obwohl jegliche Sonderrolle Deutschlands
vehement zurückgewiesen wird, soll die rot-grüne Regierung jede
Menge Alleingänge starten, um die Bahn für eine Neuausrichtung
der internationalen Politik in Richtung Entmilitarisierung und
ziviler Friedensvorsorge frei zu machen.
Auch
wenn die beiden Herausgeber anhand der Befunde der AFK-Tagung
frustriert die Unmöglichkeit einer spezifisch linken Außen-
und Sicherheitspolitik konstatieren, hält sie dies mitnichten
davon ab, die Friedensforschung um so leidenschaftlicher auf
ein solches Erkenntnisinteresse zu verpflichten. Und wenn sich
tiefe Enttäuschung über die realen Handlungsspielräume für eine
neue Außen- und Sicherheitspolitik breit macht, dann plädiert
man eben flugs für eine Radikalisierung der Programmatik, die
es schon richten wird. So wird nach Einschätzung von Lammers
und Schrader “jede verantwortungsbewusste und auf Erfolg (sic!)
bedachte Außen- und Sicherheitspolitik nicht daran vorbeikommen,
typische linkssozialdemokratische und grüne friedenspolitische
Forderungen an prominenter Stelle in ihre Konzepte zu integrieren”.
Schöner kann sich auch kritische Friedensforschung nicht in
die eigene Tasche lügen.
Die Außen- und Sicherheitspolitik der rot-grünen
Bundesregierung hat zweifelsohne Kritik verdient, selbst wenn
sie in einem zeitlichen Abstand gefällt wird, der abgewogene
Urteile von vornherein schwierig macht. Aber im Gegensatz zum
Schnellschuss des AFK-Bandes sollte eine solche Bilanz die eigenen
Maßstäbe transparenter machen und die angepriesenen Handlungsalternativen
ehrlicher auf ihre Realisierbarkeit abklopfen.
Martin Mendler
Landtag von Baden-Württemberg
Stuttgart
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