GENNADY CHUFRIN (ed.):
Russia and Asia: The Emerging Security Agenda
Oxford University Press, 534
S.
Russlands Haltung und Engagement ist in einigen Regionen der Welt immer
noch ein entscheidender Faktor, auch wenn der einstige Supermachtstatus
verloren und der russische Einfluss heute wesentlich geringer ist als zu Zeiten
der Sowjetunion. Eine stabile europäische Friedensordnung ist, genauso wenig
wie das Herausbilden einer Sicherheitsarchitektur im asiatischen Raum, ohne
Beteiligung Russlands nicht denkbar.
Der Großraum Asien hat seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes noch zu
keinem stabilen Gleichgewicht gefunden. Gleichzeitig ist seine Bedeutung für
die Weltwirtschaft wie auch für die Stabilität des internationalen Systems
insgesamt gewachsen. Auch für Russland selbst hängt viel von der weiteren
Entwicklung in Asien ab.
Der hier besprochene Sammelband entstand aus einem Forschungsprojekt
des Stockholmer Instituts für Friedensforschung, SIPRI, welches sich mit
unterschiedlichen Aspekten russischer Außen- und Sicherheitspolitik befasst.
Das Buch steht in thematischer Folge zu drei vorausgegangenen SIPRI-Bänden, die
sich ebenfalls mit russischer Außen- und Sicherheitspolitik befassten: Russia
and Europe: The Emerging Security Agenda (1997), Russia and the Arms Trade
(1998), Russian Transfers to East Asia in the 1990s (1999).
Dieser Band nun widmet sich dem Großraum Asien und analysiert in insgesamt 29 Beiträgen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Hintergrunds verschiedene Aspekte und Facetten der Interaktion Russlands mit den Akteuren der Region. Russlands Politik in der Region hat sich seit dem Ende des Ost-West-Konfliktes gewandelt. Verfolgte die Sowjetunion in Asien eine Politik, die in erster Linie ideologisch motiviert und vom Kalten Krieg geprägt war, so entwickelt Russland nach einer anfänglichen Vernachlässigung der Region und verstärkter Orientierung in Richtung Westen wieder ein steigendes, nicht zuletzt auch ökonomisch motiviertes Interesse an Asien. Dennoch ist es - auch aufgrund von innenpolitischen Schwierigkeiten - weit davon entfernt, eine kohärente Politikstrategie in Asien zu verfolgen. Im Gegensatz zur zentralistischen Außenpolitik zu Sowjetzeiten sind es heute vielfältige Akteure, die nicht immer widerspruchsfrei ihre Interessen verfolgen. Russland versucht unter anderem, in Asien seine Vorstellung einer multipolaren Weltordnung zu verwirklichen und stößt dabei auf großes Interesse anderer Staaten in der Region.
Im ersten Teil des Buches werden interne wie externe Faktoren
untersucht, die Russlands Interessen und Verhalten in Asien bestimmen. Igor V.
Podberezsky zeichnet in seinem Beitrag die internen Diskussionen in Russland
über die eigene Zugehörigkeit zum asiatischen oder aber europäischen Kulturraum
nach. Er verortet Russland dabei auf halbem Weg zwischen „asiatischem tao und
westlichem logos“, argumentiert jedoch, Russlands politische Kultur sei
besonders durch das asiatische Vermächtnis geprägt. Dennoch werde in Russland
viel mehr über das Verhältnis zum Westen diskutiert, während die Beziehungen
mit den östlichen Nachbarn leidenschaftsloser behandelt würden. Dieser Beitrag
sticht durch den Untersuchungsgegenstand, der russischen Identität, aus den
übrigen Beiträgen hervor, die sich eher mit klassischen „hard issues“ in
realistischer Tradition befassen.
Der zweite Teil des Buches geht spezifischer auf die Subregionen
Zentralasien, Südwest-Asien, Südasien und den asiatisch-pazifischen Raum ein.
Zu jeder dieser Regionen gibt es mehrere Beiträge, die von verschiedenen
Standpunkten aus die Hauptkonfliktlinien und Interessen der beteiligten Akteure
nachzeichnen und analysieren. Besonders
ansprechend ist hier, dass nicht nur die russische Sichtweise beleuchtet wird,
sondern dass auch Wissenschaftler aus Iran, China oder Tadschikistan die
Situation von der Warte ihres Landes aus einschätzen und analysieren, genauso
wie die amerikanische Perspektive Raum findet. Schade ist dabei allerdings,
dass die Beiträge wenig aufeinander aufbauen und sich auch kaum aufeinander
beziehen. Zu kritisieren ist dementsprechend, dass sich der rote Faden des
Sammelbandes lediglich in der Gruppierung der Kapitel nach geographischen
Gesichtspunkten findet. Es wäre wünschenswert gewesen, einzelne kontrastierende
Positionen als solche auch deutlich zu machen und einander gegenüber zu
stellen.
Die Beiträge über Zentralasien beleuchten umfassend die besonderen
Gegebenheiten dieser Region. Zentralasien bildet die Brücke zwischen Europa und
Asien, zwischen Christentum und Islam, im Osten flankiert von der aufstrebenden
Macht China, im Norden vom einstigen Hegemon Russland. Afghanistan, versunken
im Bürgerkrieg, gefährdet die fragile Stabilität der Region durch Terrorismus,
Drogenhandel und islamischen Extremismus. Auch die fundmentalistische
Islamische Republik Iran grenzt an Zentralasien, in westlicher Richtung liegt
die Türkei als aufstrebende Regionalmacht. Zusätzlich zu diesen Nachbarn
beteiligt sich die ferne Supermacht USA, die sich ihren Einfluss in der an
natürlichen Ressourcen reichen Region gerade gegenüber Russland und dem Iran
sichern will, am „großen Spiel“.
In den ersten Jahren nach dem Zerfall der Sowjetunion hat sich Russland
aus der Region weitestgehend zurückgezogen, die russische Außenpolitik war eher
auf Kooperation mit dem Westen und auf den Erhalt westlicher Finanzhilfe
ausgerichtet. Das entstehende Machtvakuum wurde einerseits durch den steigenden
Einfluss Chinas, des Irans, der Türkei und den USA gefüllt, andererseits aber
auch durch den Versuch einer regionalen Integration durch die fünf
zentralasiatischen Republiken. Unterschiedliche Positionen bezüglich der Rolle
Russlands in der Region werden in den Beiträgen von Konstantin Syroezhkin
(Vorstellungen Kasachstans) und von Mouzaffar Olimov, der aus tadschikischer
Perspektive schrieb, deutlich. So stehen die zentralasiatischen Republiken
Russland mit gemischten Gefühlen gegenüber. Einerseits sind es etwa russische
Grenztruppen, die Tadschikistan vor Übergriffen der Taliban schützen,
andererseits befürchten die Staaten eine Dominanz Russlands in der Region und
sind vorsichtig gegenüber einer tieferen Integration in die Gemeinschaft
Unabhängiger Staaten. Russland wiederum hat ein großes Interesse an einer
stabilen Region, weil sich damit sowohl die Sorge um seine südlichen Grenzen
verringert, als auch die Gefahr der Destabilisierung der russischen Föderation
durch Ereignisse in Zentralasien.
Weitere Beiträge thematisieren Russlands Verhältnis zum Iran, einem
weiteren „keyplayer“ der Region, die russisch-indischen Beziehungen, die
Beziehungen China - Russland, sowohl aus chinesischer als auch aus russischer
Perspektive, und Russlands Interessen auf der koreanischen Halbinsel. Der
Anhang besteht aus einer Chronologie sicherheits- und verteidigungspolitisch
relevanter Ereignisse in der Region zwischen 1992 und 1998 sowie einer
Auflistung des Verkaufs russischer konventioneller Waffen an Staaten der
Region, einem nicht unwichtigen Instrument russischer Außenpolitik.
Insgesamt stellt der Sammelband eine bedeutende Sammlung interessanter
Beiträge dar, die die sicherheitspolitisch relevanten Themen im Großraum Asien
bis Anfang 1999 aufgreifen und der Komplexität und Vielfältigkeit des Themas in
aller Regel gerecht werden. Der Band bietet eine gute Informationsquelle sowohl
mit einführenden Übersichtsartikeln als auch mit spezifischen Fallstudien.
Dabei bleibt nicht aus, dass es zu einigen Überschneidungen kommt.
Nichtsdestoweniger ein empfehlenswertes Werk.
Silke Weinlich
FU Berlin